Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches
Im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts änderten sich die politischen Verhältnisse in Ungarn mit der Entstehung des Ständestaates. Unter schwachen Herrschern begann gleichsam die Aristokratie das Land zu beherrschen. Auch begann sich im 15. Jahrhundert der niedere Adel zu organisieren. Der Bürgerstand war praktisch nicht existent, die Städte wurden lediglich als Korporationen den Adeligen gleichgesetzt. Nicht zuletzt ergab sich durch das Fehlen eines Bürgerstandes die politische Schwäche des Landes. Die Gründe hierfür mögen in der schwachen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Städtewesens, aber auch im Verhalten der Bürger in politischen Fragen selbst gelegen haben, das sich oftmals (auf den Landtagen) durch Gleichgültigkeit über die eigenen - handelspolitischen - Interessen hinaus auszeichnete. Mit Ausnahme der Bergstädte war nicht das Handwerk, sondern der Handel der entscheidende Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der Städte. Die Entwicklung Ungarns seit dem 16. Jahrhundert erschwerte jedoch die ungehinderte Entwicklung des Handels, damit auch die weitere Entwicklung des Städtewesens sowie seines Bürgertums vor allem hinsichtlich der politischen Bedeutung.55 Nach der Vertreibung der Türken aus den südlichen Gebieten Ungarns gab es vom 17. bis ins 19. Jahrhundert eine weitere große Einwanderungsbewegung56. Sie wurde privat auf grundherrlichem Boden als auch staatlicherseits durchgeführt. Geographisch zielten die Siedlungsbewegungen vor allem auf die südlichen Teile des Landes, so die bedeutenden staatlichen Ansiedlungen im Banat oder der Batschka. Insgesamt förderte die Siedlung den Nachschub an Deutschen sowohl im ländlichen Bereich als auch in den Städten. Die genauen Einwohnerzahlen die Deutschen betreffend sind schwer zu ermitteln. Für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts geht man von einer Zahl zwischen 350.000 und 400.000 (einschließlich der alten Zipser und Siebenbürger deutschen Bevölkerung) aus. 1773 seien es ca. 637.000,1840 1.038.000 und 1880 schon ca. 2 Millionen Deutsche gewesen.57 Nach der Zurückdrängung der Türken begegnet jedoch nicht nur eine verstärkte Einwanderungsbewegung von außen, sondern auch eine Binnenwanderung im Inneren des Landes. Bewohner aus den Randgebieten des Landes und vor allem aus dem Norden machten sich auf den Weg in die mittleren und 55 Fügedi (1975), S. 506. 56 Neben der grundsätzlichen Wiederbesiedlung des Landes wurde die Siedlung im 18. Jahrhundert staatlicherseits im Rahmen einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik vorangetrieben (dies bezog sich vor allem auf den Agrarbereich) und im 19. Jahrhundert schließlich im Zuge der internationalen Arbeitskräfteverteilung (vor allem gewerblich-industriell). Eine größere Gruppe von Zuwanderern stellten im 19. Jahrhundert auch die Beamten, die noch während des Neoabsolutismus nach Ungarn geholt wurden und dann dort blieben. Freilich muss man dazu sagen, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Auswanderung aus Ungarn die Einwanderung schon bei weitem übertraf. 57 Zahlen nach Márta Fata: Einwanderung und Ansiedlung der Deutschen (1686-1790), Land an der Donau, hrsg. v. Günter Schödl, Berlin 1995, S. 90. 45