Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches
geordneten - Bevölkerungsgruppen nicht gerecht wurde und die politische Führung die Augen vor diesen Realitäten verschloss. 3.2 Situation der nichtmagyarischen Bevölkerungsgruppen 3.2.1 Situation der Deutschen Die Ansiedlung der Deutschen auf ungarischem Boden verlief in mehreren Etappen, wobei sich die vorliegende Skizzierung vor allem auf den oberungarischen Raum (mit einigen Hinweisen auf die Besiedlung Siebenbürgens) beschränkt.51 Nach der Niederlage der Ungarn in der Schlacht von Mohács blieb der südliche Teil des Landes mit Siebenbürgen türkisch besetzt. Land und Leute litten fortan teils unter der türkischen Besatzungspolitik, vor allem aber unter militärischen Auseinandersetzungen besonders in den Grenzgebieten zum habsburgisch besetzten Teil des Landes. Nach der Rückeroberung dieser Gebiete - die durch beide militärische Lager wieder viel Verheerung über das Land brachte - wurde Ende des 17. Jahrhunderts mit der zum Teil privaten, zum Teil staatlichen Neubesiedlung begonnen. Nordungarn, das heißt vor allem die heutige Slowakei, wies demgegenüber eine höhere Siedlungskontinuität auf, was bedeutet, dass wir hinsichtlich der Ansiedlung von Deutschen in erster Linie die mittelalterliche und frühneuzeitliche Besiedlung bis ins 16. Jahrhundert zu betrachten haben. Eine erste große Ansiedlungswelle begegnet im 12. Jahrhundert in der Regierungszeit König Geisas II. (1141-1162). Es handelte sich hier vor allem um die sogenannten Siebenbürger und Zipser Sachsen, die vorwiegend aufgrund wirtschaftlicher sowie militärischer, d.h. verteidigungspolitischer Gründe in das Land gebeten wurden. Die Kontakte zwischen den Siedlern und dem Land Ungarn gingen möglicherweise auf Erfahrungen zurück, die die Angehörigen des Zweiten Kreuzzuges (1147- 1149) auf ihrem Weg in das Heilige Land während der Durchreise durch Ungarn gemacht haben. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie angeblich von der Fruchtbarkeit des Landes und rückten es so in das Bewusstsein der Westeuropäer. Als weiterer Grund für die einsetzenden Wanderungsbewegungen wird die große demographische Spannung zwischen Westeuropa und Ungarn genannt, das heißt die ungemein größere Bevölkerungsdichte Westeuropas gegenüber dem Nachbarland Ungarn. Schließlich habe der König - der in dieser Zeit eine kostspielige Umwandlung seines Heeres von Reiternomaden auf schwer gepanzerte Ritter vornahm - in der Besiedlung von außen eine Möglichkeit gesehen, seine Güter besser auszunützen um damit sein Einkommen zu erhöhen.52 51 Zur Siedlungsgeschichte der Deutschen in Ungarn siehe unter anderem: Die Deutschen in Ungarn, hrsg. v. Georg Brunner (Südosteuropa-Studien, Bd. 45), München 1989; Land an der Donau, hrsg. v. Günter Schödl (Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1995; Die deutsche Ostsiediung des Mittelalters als Problem der europäischen Geschichte, hrsg. v. Walter Schlesinger (Vorträge und Forschungen, Bd. 18), Sigmaringen 1975. 52 Genaue Informationen zur Siedlungsgeschichte der Deutschen in Ungarn gibt Erik Fügedi, auf dessen Angaben ich mich in diesen kurzen Ausührungen weitgehend stütze: Das mittelalterliche Königreich Ungarn als Gastland, in: Die deutsche Ostsiedlung (1975), S. 471-507. 43