Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

2 Methodische und analítische Grudnlagen

Wichtig für die Analyse der Texte sind die in der Theorie vertretenen Konzepte von Volk und Nation. Auf eine differenzierte Verwendung des Volksbegriffes verweist Friedrich Heckmann.22 Dies erscheint vor allem dann angebracht, wenn die Begriffe Volk und Nation - wie so oft - parallel und schein­bar synonym gebraucht wurden und zudem ethnische und nicht-ethnische Nationskonzepte vertreten waren. Oft lassen die Artikel erkennen, ob das beschriebene „Volk" als „ethnos" oder aber „demos“ verstanden wurde, man es also ethnisch oder politisch auffasste.23 Dementsprechend konnte dann der Begriff der „Nation“ ebenso eher ethnisch exklusiv oder aber ethnisch plural ver­wendet werden. Im ersten Fall konnte der Bergriff „Nation“ einen aus­schließlichen Charakter annehmen, insofern man die Volksgemeinschaft in der gemeinsamen Abstammung erblickte, und diese einen gemeinsamen Staat zumindest anstrebte. Auch im zweiten Fall bezeichnete die „Nation“ ein Volk, das einen gemeinsamen Staat anstrebte, jedoch basierte die Volks­zugehörigkeit nicht auf der gemeinsamen Abstammung. In einem mehr aufgek­lärten Sinne verstand man das „Volk“ als politische Gemeinschaft, das durch gemeinsame Institutionen, Gesetze usw., aber auch durch eine gemeinsame Vergangenheit (nicht Abstammung!) verbunden war. Im Verlauf des betrachteten Zeitraumes gingen die Magyaren verstärkt dazu über, das ethnisch-exklusive Nationskonzept durchzusetzen und riefen damit freilich Abwehrmaßnahmen der­jenigen Bevölkerungsgruppen Ungarns hervor, die die Idee der gemeinsamen Abstammung ausschloss. Dies konnte schließlich zur Ausbildung eigener ethnischer bzw. nationaler Identitäten führen. Sucht man nach einer Vorstellung vom Begriff der Nation, wie sie im Ungarn des betrachteten Zeitraums vertreten war, stößt man auf die Annäherung von Hobsbawm.24 Er benennt drei Kriterien, die ein Volk zur Nation machen können. Dazu gehöre erstens die „historische Verbindung mit einem gegenwärtigen Staat oder mit einem Staat, der eine längere und nicht weit zurückliegende Vergangenheit hatte“. Zweitens die „Existenz einer alteingesessenen kul­turellen Elite, die sich im Besitz einer geschriebenen nationalen Literatur- und Amtssprache befand“. Drittens schließlich die „erwiesene Fähigkeit zur Eroberung“. Wichtig ist dabei der Hinweis, dass zur Ausbildung der Nationen nicht alle drei Kriterien zugleich zutreffen mussten. Der Vorteil dieser Kriterien gegenüber einem eindeutigen Definitionsversuch des Begriffes liegt darin, dass sie den notwendigen Raum lassen, auch die vornationalstaatlichen Verhältnisse in Ungarn zu reflektieren. Ausgehend von den unterschiedlichen Volksbegriffen 22 Heckmann, Friedrich: Ethnos, Demos und Nation, oder: Woher stammt die Intoleranz des Nationalstaats gegenüber ethnischen Minderheiten? In: Seewann, Gerhard (Hg.): Minderheitenfragen in Südosteuropa: Beiträge der Internationalen Konferenz: The Minority Question in Historical Perspective 1900-1990, Inter University Center, Dubrovnik, 8.-14. April 1991, München 1992, S. 9-36. 23 Zu dieser Unterscheidung siehe auch Francis, E.E.. Ethnos und Demos, Berlin 1965. 24 Hobsbawm, Eric J.: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, Frankfurt a. M./New York 1991, S. 50. 23

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