Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)

Bestände - I. Zeitreise

82 I. Zeitreise Archive sind Speicher des Gedächtnisses, in denen man in räumlicher wie in zeitlicher Hinsicht auf Reisen gehen und dabei die überraschendsten Entdeckungen machen kann. Am Beispiel des Haus-, Hof- und Staatsarchivs mit seinen vielfältigen Beständen lassen sich mehr als elfhundert Jahre europäischer und außereuropäischer Geschichte an Hand von Dokumenten nachzeichnen, die zum Teil bekannt sind, zum Teil aber noch ihrer Entdeckung harren und von jeder Generation wieder neu gelesen und inter­pretiert werden können und müssen. Beginnend mit dem ältesten Stück des Hauses, einer Urkunde aus dem Jahr 816, mit der Kaiser Ludwig der Fromme dem Salzburger Erzbistum für dessen territorialen Aufbau wichtige Immunitätsrechte verlieh (Nr. 1), dokumentiert die reichhaltige Urkundensammlung des Archivs das Werden der (späte­ren) österreichischen Länder im Mittelalter. Dazu gehört auch die Urkunde über eine große Landschenkung an die babenbergischen Markgrafen im Jahre 1002 (Nr. 2), die ein Kerngebiet des späteren Österreich bilden sollte. Demgegenüber stellte die „Goldene Bulle" aus dem Jahr 1356 (Nr. 3) bis zum Ende des Alten Reiches das zentrale Verfassungsdokument für das Heilige Römische Reich dar und regelte erstmals bindend die Wahl des römisch-deutschen Königs. Die Chronik des Konstanzer Konzils, verfaßt von Ulrich von Richental (Nr. 4), behandelt gleichsam den Auftakt zu den konfessionellen Auseinandersetzungen der Folgezeit. Zur Geschichte der Reformation hat sich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv umfangreiches Material erhalten. Die 95 Thesen Luthers (Nr. 6), die eigentlich zur Disputation über die Natur des Ablasses auffordern wollten, werden heute üblicher­weise als Beginn der Reformation betrachtet, während der Augsburger Religionsfriede (Nr. 7) 1555 in einem ersten Abschluß der Auseinandersetzungen den protestantischen Reichsständen Religionsfreiheit gewährte. Das Zeitalter der Reformation war gleichzeitig ein Zeitalter der Entdeckungen. Auf der iberischen Halbinsel schickten sich sowohl Spanien als auch Portugal an, ihre Herrschaftsbereiche auf die außereuropäische Welt auszudehnen. Im Wettstreit, wem nun welcher Teil der „neuentdeckten" Landstriche gehören sollte, wandte man sich an den Papst als höchste Instanz. So kam es, daß 1493 der pikanterweise aus Spanien stam­mende Alexander VI. die Welt zwischen den beiden Ländern „teilte" (Nr. 5). Die österreichischen Habsburger verfolgten die Entwicklungen in der Neuen Welt, über die sie durch ihre Beziehungen zu Spanien regelmäßig Nachrichten erhielten, mit Interesse; für sie selbst stand aber vor allem die Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich im Vordergrund. Meistens war die österreichische Linie gegen die Türken in der Defensive, so daß der Friedensvertrag von 1562, der einen seit 1551 wäh­renden Konflikt beendete, einen diplomatischen Achtungserfolg für das Habsburgerreich darstellte (Nr. 8). Etwas anders sah das Ergebnis des Westfälischen Friedens (Nr. 9) aus, der 1648 nach langjährigen Verhandlungen in Münster und Osnabrück abgeschlossen wurde und die Kampfhandlungen des Dreißigjährigen Krieges beendete. Die Ausgangslage für den Kaiser war aufgrund der militärischen Situation katastrophal, doch durch das Geschick des kaiserlichen Verhandlers Maximilian Graf Trauttmansdorff konnte ein vergleichsweise günstiger Abschluß erreicht werden. An der Türkenfront bedeutete der erfolgreiche Entsatz Wiens 1683 einen entscheidenden Wendepunkt (Nr. 10). Zu den großen Gewinnern des Dreißigjährigen Krieges hatte gerade Frankreich gezählt, dessen traditionelle Frontstellung gegen das Haus Habsburg das europäische Staatensystem bis Mitte des 18. Jahrhunderts entscheidend prägen sollte. Umso sensa­tioneller war daher der Abschluß eines Allianz- und Defensivvertrages zwischen den beiden Mächten im Jahr 1756 (Nr. 11), der Habsburger und Bourbonen gegen Preußen

Next

/
Thumbnails
Contents