Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Gebäude - Elisabeth Springer-Manfred Wehdorn: Der Baubestand
48 Der Baubestand Auch die schmückenden Köpfe in den Giebelverdachungen der Fenster entsprechen punktgenau jenen an der Ost- und Südfassade. Die drei Köpfe über dem Haupteingang der Staatskanzlei sind seit den Umbauten durch Pacassi 1767 nachzuweisen, doch scheinen zu Ende des 19. Jahrhunderts die Originalplastiken schon sehr beschädigt oder verwittert gewesen zu sein. Bei der bereits erwähnten Renovierung des Ministerialgebäudes von 1890 hat Otto Hofer in der Bauausschreibung für den Steinmetzen zwei Skizzen dieser Fenstergiebel mit Köpfen als Muster angegeben, so daß die zehn Jahre später entstandenen Köpfe an der Minoritenplatzfassade den anderen tatsächlich völlig gleichen. Beim unerwarteten Tod von Otto Hofer am 25. Februar 1901 wurde kein neuer Architekt bestellt, sondern die Oberleitung an Oberingenieur Heinrich Holzeland übertragen. Für die künstlerische Oberaufsicht war Ministerialrat Emil Förster vom Hofbau- Komitee zuständig. Die in Hofers Nachlaß vorhandenen Zeichnungen für die innere Ausstattung blieben weiter verbindlich. Zu ihnen gehörte auch der figürliche Abschluß der Attika: Eine krönende Figur auf der Attika des Mittelbaus scheint schon in den ersten Fassadenplänen von Otto Hofer auf. In dem am 16. Oktober 1900 mit Rudolf Weyr abgeschlossenen Vertrag ist schon von der Ausführung einer ganzen Figurengruppe aus Savoniére-Stein in der Höhe von 3,50 m die Rede. Die Ausführung müsse nach der vom Hofbau-Komitee genehmigten Skizze erfolgen. Änderungen im Detail oder an den Motiven durften nur in Rücksprache mit der Bauleitung erfolgen. Am 4. Jänner 1901 konnte Weyr bereits das fertige Modell vorzeigen; die Ausführung in Stein war bis Juli 1901 vollendet. Die Figurengruppe besteht aus zwei geflügelten Genien, zwischen denen vier Buchrücken von beeindruckender Stärke sichtbar werden; es handelt sich dabei vielleicht um ältere Teile der Reichsregister aus der Zeit 1550-1600. Sie werden von der davorliegenden Pergamentrolle halb verdeckt. Die Figuren halten zwischen sich ein Libell mit drei herabhängenden Siegeln hoch. Libell und Rolle sind zu vage gehalten, um identifiziert werden zu können. Das „Innere" Im Grundriß besteht das Archivgebäude aus zwei Abschnitten: Gegen den Ballhausplatz liegt der Verwaltungstrakt, der etwa einem Drittel des gesamten Bauvolumens entspricht. Der weitaus größere Teil, der zwei Drittel des Mittelrisaltis und den gesamten nordwestlichen Seitenrisalit einnimmt, ist für die Zwecke des Magazins bestimmt. Dem fünfgeschoßigen Verwaltungstrakt stehen elf Geschosse des Magazintrakts gegenüber. Im zweiten, vierten, sechsten, achten und neunten Geschoß wird die sie trennende Feuermauer durch Türen durchbrochen, die beiden Trakte sind in diesen Geschossen also miteinander verbunden. Die Raumhöhen des fünfgeschoßigen Verwaltungstraktes variieren zwischen 2,80 m und 5,41 m. Er umfaßt ein kleines Eingangsfoyer mit einer repräsentativen ovalen Stiege, eine Portierswohnung, die notwendigen Beamtenzimmer und Benutzersäle, vor allem aber eine dreigeschoßige Bibliothek, die ebenfalls nach dem „Magazinsystem" eingerichtet ist und mit einer internen eisernen Wendeltreppe versehen wurde. Im Dachgeschoß befanden sich ursprünglich die Werkstätten des Archivs, nämlich eine Gipsgießerei, ein Zimmer für fotografische Aufnahmen, ein weiteres für galvanoplastische Siegelformen usw. Der Verwaltungstrakt gleicht mehr oder weniger anderen Gebäuden der späten Gründerzeit, die zu vergleichbaren Zwecken errichtet wurden. Der Magazintrakt stellte jedoch bereits damals und stellt auch noch heute etwas Einzigartiges dar. Sein Kern besteht in einem Eisengerüst aus Gitterträgern, die sich über die gesamte Höhe des Gebäudes erstrecken und aus horizontalen Gitterrosten, welche die Böden der einzelnen Geschosse bilden. In zwei Geschossen wurde der Boden aus Gründen des