Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)

Bestände - IV. Kultur

Kultur 159 4 Der junge Beethoven in Wien 1793 November 23, Wien Ludwig van Beethoven bittet Erzherzog Maximilian Franz, Kurfürst-Erzbischof von Köln, um Erhöhung der finanziellen Unterstützung Papier, mit eigenhändiger Unterschrift Beethovens, ein Blatt, deutsch Habsburgisch-Lothringische Hausarchive, Estensisches Hausarchiv 148 Nach seinem ersten Jahr als Schüler Joseph Haydns in Wien verfaßte Ludwig van Beethoven, damals knapp 23 Jahre alt und als zweiter Hoforganist im Solde des kurkölnischen Hofes zu Bonn stehend, einen Bericht an seinen Dienstherrn und Förderer Erzherzog Maximilian Franz, Kurfürst-Erzbischof von Köln und Fürstbischof von Münster, den jüngsten Sohn Maria Theresias. Er kündigt darin an, sich im neuen Jahr mittels Einsendung von Werken der Gunst seines Herrn im beson­deren Maße würdig erweisen zu wollen, im abgelaufenen hätte er hingegen „alle seine Seelenkräfte zum Allgemeinen der Tonkunst verwendet." Ein Begleitschreiben Joseph Haydns nannte die Dinge deutlicher beim Namen: Beethoven benöti­ge dringend mehr Geld. Als Beweis für die Fortschritte seines Schülers legte Haydn einige kleinere Kompositionen bei. Max Franz, der diese Stücke mit einer einzigen Ausnahme schon aus Bonn kannte und Beethoven - neben einer Unterstützung für Wien - sein Bonner Gehalt weiter zukommen hatte lassen, reagierte begreiflicherweise ungehalten und strich seine Zahlungen bald darauf zur Gänze. Bei näherer Betrachtung wird der Hintergrund dieses Manövers Beethovens verständlich: Er arbeitete an Stücken, die über Haydns Musik hinauswiesen und die er seinem Meister noch nicht vorlegen konnte und wollte. Gleichzeitig stiegen seine Auslagen, da er allmählich Fuß in den für ihn so wichtigen Wiener Adelskreisen faßte und sich gewissen Mindestanforderungen nicht entziehen konnte. Schon ist absehbar, was bald darauf eintreten sollte: Der Hoforganist wan­delte sich zum freischaffenden, eigenverantwortlichen Klaviervirtuosen und Komponisten; er kehrte nicht mehr nach Bonn zurück. Cerhard Gonsa

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