Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Bestände - IV. Kultur
154 IV. Kultur Richtet man den Blick auf die Exponatwünsche der diversen nationalen und internationalen Ausstellungen, die als Leihnehmer an das Haus-, Hof- und Staatsarchiv herantreten, oder auf die Themen, zu denen die Besucher des Archivs Forschungen anstellen, so erkennt man, daß heute einem einstmals für Hunderttausende entscheidenden großen Staatsvertrag im Bewußtsein der Öffentlichkeit und der Forschung nicht mehr ohne weiteres größere Bedeutung beigemessen wird als dem Autographen eines bekannten Schauspielers, der Menükarte eines kaiserlichen Banketts oder dem Bericht über die erstmalige Präsentation eines exotischen Tiers im Schönbrunner Zoo. Als Konsequenz dieses Bewußtseinswandels halten sich bei den Archivbenützern die reinen Kulturthemen mit den Untersuchungen zu den - in einem politisch-dynastischen Archiv vermeintlich näherliegenden - großen Staatsaktionen zahlenmäßig längst die Waage. Betrachtet aus der mittlerweile großen zeitlichen und geistigen Distanz zu jener Welt, die 1918 endgültig unterging, werden all diese sehr unterschiedlichen Dokumente zu gleichberechtigten Teilen eines einzigen großen kulturellen Erbes, das sich im Archiv jahrhundertelang für die verschiedensten Lebensbereiche angesammelt hat. Tatsächlich hat sich der Charakter des Archivs natürlich durch den Wegfall der einstmals selbstverständlichen und allgegenwärtigen aktuellen Staatsinteressen - spürbar noch bis in die Zeit der Ersten Republik hinein, man denke nur an die große Edition der diplomatischen Quellen zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs - wesentlich verändert. Aus einem praktischen Zwecken untergeordneten Nebenprodukt wurde damit der eigentliche Wesenszug des Archivs: Es ist heute der Ort des Gedächtnisses und der Erinnerung schlechthin, ein Ort, in dem Vergangenheit zum Leben erweckt werden und in all ihren Facetten uneingeschränkt und wertfrei neu entdeckt und erforscht werden kann. Vermutlich hat dieser andere, sozusagen erweiterte Zugang zu den Beständen die Bedeutung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs für das kulturelle Selbstverständnis der Österreicher und das Bild Österreichs in der Welt sogar noch erhöht. Im folgenden sollen exemplarisch einige der im Archiv verwahrten Dokumente aus den Bereichen Kunst und Wissenschaft, also zu Kulturthemen in einem engeren Sinn, präsentiert werden. Zu den wertvollsten Erbstücken der Habsburger, die an die Republik Österreich gelangt sind, gehören die bedeutenden kunst- und naturhistorischen Sammlungen, die heute in den großen Museen der Öffentlichkeit präsentiert werden. Ihren Ursprung nahmen sie in den individuell gestalteten Privatsammlungen einzelner Mitglieder des Kaiserhauses, wie zum Beispiel jener Kaiser Rudolfs II., einer wahrhaft großen, von einem universalen Interesse für Kunstgegenstände beseelten Sammlerpersönlichkeit (Nr. 1). Bei Neuanschaffungen - etwa beim Zukauf neuer Gemälde (Nr. 6) - wurde besonderer Wert darauf gelegt, das Gesamtensemble sinnvoll zu ergänzen. Der administrative Vollzug solcher Agenden oblag den obersten Hofbehörden; die Registraturen dieser Behörden tragen gleichzeitig am meisten zum Reichtum des Haus-, Hof- und Staatsarchivs an erstrangigen Schriftdokumenten zur Kultur bei. Auch die heutigen Vorzeigeinstitutionen des Bundes auf dem Gebiet der sogenannten Hochkultur, Staatsoper und Burgtheater, unterstanden bis 1918 als Hofbühnen der Verwaltung der zuständigen Hofbehörden. Aus deren Geschäftsschriftgut wurden ein Schreiben Arthur Schnitzlers an die Direktion des Burgtheaters sowie ein Dankbillet Giacomo Puccinis an den Direktor der Hofoper, Gustav Mahler, ausgewählt (Nr. 10 und Nr. 11). Stellvertretend für die erhaltenen Zeugnisse heute weltberühmter Persönlichkeiten auch aus weiter zurückliegenden Zeiten sollen außerdem das Testament Johann Bernhard Fischer von Erlachs (Nr. 3) und ein Unterstützungsgesuch des jungen Ludwig van Beethoven (Nr. 4) präsentiert werden. Von der Hand Peter Fendis stammen die