1100 Jahre österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1949)

1100 Jahre österreichische und Europäische Geschichte - Transkriptionen und Erläuterungen

ihm das folgenschwere Wort: „Es ist im Gegentheil meine Absicht! Es muß im Lande eine solche völlige Verwirrung und ein solches Tohuwabohu herrschen, daß kein Mensch mehr wisse, wo der Kaiser mit seiner Politik hinaus wolle!!“ Als ich hierauf erklärte, das wäre durchaus nicht meine Absicht sondern meine Politik müsse offen und sonnenklar meinen Unterthanen gegenüberstehn, erklärte nichts mehr zu sagen zu haben und warf mir barsch sein Abschiedsgesuch vor die Füße. Ich reagierte nicht auf diese dritte Szene im Lauf von 6 Wochen. Sondern ging über zum Ministerrath und zu der Ordre, durch die er die Immediatvorträge verhindert habe. / Er erklärte er traue ,,seinen4‘ Ministern nicht, die trügen mir Bl 9r hinter seinem Rücken Dinge vor, die ,,er<£ nicht billigen können und desshalb habe er sie darüber belehrt. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß darin eine schwere Beleidigung für mich seinen ihm so treu und innig zugethanen Souverain liege, den er heimlicher Intriguen hinter seinem Rücken bezichtige, wollte er das nicht zugeben. Er w'erde aber, wenn ich das verlangte, mir sofort im Lauf des Tages die Ordre zur Aufhebung einsenden es sei das schließlich egal. Als ich nun noch mal — lediglich in der Absicht dem augenfällig schwer kranken und nervös überreizten Mann ein Theil seiner Arbeit und Sorgen abzu­nehmen — ihn bat mich mehr theilnehmen zu lassen am Geschäft und bei wichtigen Entschließungen mit mich einzuweihen und hören zu lassen, verweigerte er es entschieden mit dem Bemerken, er müße seine Entschlüsse vorher schon fest gefaßt haben ehe er zu mir komme! / In tiefem Schmerz und wunden Herzens sah ich nun klar, daß der Dämon der Herrschsucht den lieren, Bl 9V großen Mann erfa ßt hatte, und daß er jede Angelegenheit , welcher Natur sie war, benutzte zum Kampf gegen den Kaiser. Er wollte allein Alles machen und herrschen und der Kaiser nicht einmal mitarbeiten dürfen. Mit dem Augenblick war es mir klar, daß wir uns trennen mußten, sollte nicht Alles moralisch ruiniert und zu Grunde gerichtet werden. Gott ist mein Zeuge wie ich in mancher Nacht im Gebet gerungen und gefleht habe das Herz dieses Mannes zu erweichen, und mir das furchtbare Ende ersparen möge ihn von mir gehn zu lassen! Allein es sollte nicht sein! Als nach 2 Tagen die Ordre zum kassiren nicht vom Fürsten eingesandt war, ließ ich bei ihm anfragen ob er sie nicht schicken wolle. Er antwortete es fiele ihm gar nicht ein er brauche sie gegen „seine“ Minister! Da riß mir die Geduld mein alter Hohenzollerscher Familienstolz bäumte sich auf; jetzt galt es den alten Trotzkopf zum Gehorsam zu zwingen oder die Trennung herbei zu führen; denn jetzt hieß es der Kaiser oder der Kanzler bleibt oben. / Ich ließ ihn noch einmal bitten die Aufhebung der Ordre einzusenden und sich meinen ihm früher Bl 10r ausgesprochenen Wünschen und Bitten zu accomodiren, Avas er glatt verweigerte. Damit war das Drama zu Ende. Der Rest ist dir bekannt. — Der Mann den ich mein Leben lang vergöttert hatte, für den ich im Elternhause ware Höllenqualen moralischer Verfolgung ausgestanden; der Mann für den ich allein, nach dem Tode Großpapa’s mich in die Bresche geworfen um ihn zu halten, wofür ich den Zorn meines sterbenden Vaters und den unauslöschlichen Haß meiner Mutter auf mich lud, der achtete das Alles nichts und schritt über mich hinweg, weil ich ihm nicht zu Willen war! Welch ein Dolchstoß für mein Herz! Seine grenzenlose Menschenverachtung, die er für Alle hatte, auch für die welche sich für ihn zu Tode arbeiteten, spielte ihm hier einen schlimmen Streich, indem er auch seinen Herren für nichts achtete und ihn zu seinem Trabanten herabwürdigen wollte. Als er sich bei mir abgemeldet hatte und mich beschuldigte ihn weggejagt zu haben, habe ich geschwiegen und nichts gesagt, und nachdem er hinaus war brach ich — ich schäme mich es zu sagen — zusammen mit einem Weinkrampf. / [Banna] Beginn des Faksimiles: Blatt 10v. Aus diesem langen Opus mögest Du nun ermessen, / Avas für einen Winter ich hinter mir habe und ob / ich falsch gehandelt. Als braver und treu bewährter Freund / stand mir der Großherzog von Baden in den letzten / schweren Tagen bei und fand mein Verhalten seine völlige / Billigung. Der Nachfolger ist nächst Bismarck der größte Deutsche, / den wir haben, mir treu ergeben und ein felsen/fester Charakter! Du wirst Deine Freude an ihm haben / wenn Du ihn einmal sehen wirst. Dein treuer Freund Wilhelm I(mperator) R(ex) beendet den 5. April. [ Blaas ]

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