Manfred Fink (Hrsg.): Das Archiv der Republik und seine Bestände. Teil 1 : Das Schriftgut der 1. Republik und aus der Zeit von 1938 bis 1945 (1996)

Gruppe 04: Inneres/Justiz (Rudolf Jerabek’, Heinz Placz) - Gaupersonalamt des Gaues Wien "Gauakten"*

Archiv der Republik Bestandsgruppe 04 Taten und Erlebnisse sowie Empfehlungsschreiben. Neben Korrespondenzen über die betreffende Person finden sich in den Akten zahlreiche Parallelüberlieferungen zu Behörden und Dienststellen, deren Archivalien nur zum Teil erhalten sind: NS-Wiedergutmachungsstelle und NS-Vermittlungsstelle, Staatskommissär Dr. Otto Wächter (Berufsbeamtenangelegenheiten), Gildemeesteraktion zur Befreiung politischer Häftlinge, Volkssturm. Wohl nach Kriegsende wurden den "Gauakten" erhalten gebliebene personenbezogene Akten des Gauschatzamtes und zahlreiche Karteien wie "Asozialenkartei", "Warnkartei" (Warnungskartei vor politischen Gegnern, die im Organisationsbuch für die NSDAP 1937 nur für das Hauptpersonalamt der NSDAP vorgesehen war), Auszeichnungs­karteien (z. B. Erinnerungsmedaille an den März 1938) sowie nach 1945 entstandene Karteikarten (aufgeklebte Ausschnitte aus den staatspolizeilichen Fahndungsblättern) eingearbeitet. Aus dieser Entstehungsgeschichte ist erklärlich, daß das Bestehen eines Gauaktes bei weitem nicht notwendigermaßen bedeutet, daß der Betreffende NSDAP-Mitglied war, vielmehr finden sich auch Akten über politische Gegner, Geistliche, Juden, KZ- Häftlinge und "Asoziale". So manche Akten beziehen sich auf Personen, die das Dritte Reich sicherheitshalber um die Zeit des Anschlusses verlassen hatten (z. B. Emst Rüdiger Fürst Starhemberg). Manche Gauakten (z. B. von höheren SS-Führern) bestehen nur aus nach 1945 entstandenen Unterlagen meist amerikanischer Provenienz, die im Rahmen der strafrechtlichen Verfolgung der betreffenden Personen angelegt wurden. Sehr dicht ist der Aktenbestand in bezug auf Beamte und Kulturschaffende, da bei letzteren die Berufsausübung an die Zugehörigkeit zur betreffenden Standes­vertretung (Reichsschrifttumskammer, Reichsfilmkammer etc.) gebunden war und die Aufnahme in diese eine politische Perlustrierung voraussetzte. Ebenso scheint der überwiegende Teil der Ariseure und Kreditwerber in den Akten auf. Der Aktenserie der politischen Beurteilungen ist jene der alphabetisch gereihten ca. 505.000 ausgefüllten "Erfassungsanträge" (="Personal-Fragebögen") der Ostmark und des Sudetengaues angeschlossen, die einen Gesamtüberblick über die illegalen Mitglieder der NSDAP 1938 bieten. Dieser Überblick istallerdings insoweit nicht mehr gegeben, als die Erfassungsanträge jener Personen, über die ein Akt der Hauptreihe existiert, dort eingelegt wurden und keine Gesamtlistc oder Möglichkeit eines indexmäßigen Zugriffes auf die solchermaßen "verlagerten" Erfassungsanträge existieren. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurden die Akten nicht nur durch neu entstandene Unterlagen angereichert, sondern es wurden auch andere Aktenbestände (Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, Statthalterei Wien Baldur von Schirach, Gauleitung Niederdonau) für Zwecke dieser Dokumentation seitens des Innenministeriums "geplündert" und oft sehr wesentliche Akten aus diesen Beständen entnommen und den Gauakten angeschlossen. Auch Akten des Bestandes "Bundeskanzleramt/Inneres (Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit-Staatspolizeiliches Büro)" aus der Zeit 1933 bis 1938 finden sichalsaus dem Staatsarchiv entlehnte und nicht zurückgestellte Vorakten in den Gauakten. Obwohl es sich prinzipiell um die Akten des Personalamtes des Gaues bzw. Reichsgaues Wien handelt und Akten anderer "österreichischer" Gaupersonalämter nicht enthalten 171

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