Folia Theologica 22. (2011)
Fonk Peter: Erbschuld - Sühne - Gnade. Warum Kinder nicht für die Verbrechen ihre Väter verantwortlich sind
160 Peter FŐNK Mensch macht im übrigen die alltägliche, aber damit keineswegs banale Erfahrung, daß zwischen seinem Wollen und seinem Können oft ein gar zu breiter Graben liegt. Da die Erbsünde aber nicht selbst verschuldet ist, kann sie auch nur im übertragenen Sinne als Schuld bezeichnet werden. Der Katechismus der Katholischen Kirche aus dem Jahre 1993 hat die Position von Trient zu dieser Frage ebenso übernommen wie Karl Rahner. Ausdrücklich hebt er den analogen Charakter der Erbsünde im Vergleich zur persönlichen Schuldtat hervor10 11 und greift ein Begriffspaar der scholastischen Theologie wieder auf, das der Unterscheidung der Sünde Adams von der Erbsünde, insofern sie unseren Daseinsstand bestimmt, durch eine präzise sprachliche Regelung Rechnung trägt: Während der Terminus peccatum originale originans auf die Sünde Adams verweist, bezeichnet sein begriffliches Korrelat peccatum originale originatum die Erbsünde, die uns bestimmt11. Im Gang seiner Überlegungen kommt Rahner mehrfach auf diese Unterscheidung zurück und vertieft den Gedanken, um sodann nachdrücklich das immer noch existierende Mißverständnis eines genetischen Traduzianismus auszuräumen: „Der analoge Schuldreat", so schreibt er, „der Erbsünde genannt wird, ist nicht die Ausdehnung des personalen Schuldreats 'Adams' auf uns, sondern ist konstituiert durch das Fehlen des heiligen Pneuma, das im voraus zu einer sittlichen Entscheidung den Menschen innerlich heiligt oder heiligen würde, wenn es gegeben ist oder wäre, dessen Fehlen aber darum im Voraus zu einer personalen Entscheidung einen analogen Schuldreat konstituiert, wenn dieses Fehlen kein bloßes Nichtgegebensein, sondern ein Fehlen gegenüber einem Gegebensein sollen besagt."12 Die Erbsünde, so dürfen wir im Anschluß an Rahner festhalten, ist zunächst weder ein biologisch, noch juristisch, psychologisch, soziologisch oder gar historisch erhebbares Faktum; was nicht heißt, daß die Folgen, die sie zeitigt, nicht durchaus Gegenstand dieser Sach- und Wissenschaftsbereiche wären, sondern eine theologische Ursprungsinterpretation der Menschheit als ganzer und damit zugleich eine moralisch relevante anthropologische Grundaussage. 10 Rahner, K., Die Sünde Adams, in Rahner, K., Schriften zur Theologie, IX. 259-275. 11 Ebd. 261.273. 12 Ebd. 269.