Folia Theologica 22. (2011)

Fonk Peter: Erbschuld - Sühne - Gnade. Warum Kinder nicht für die Verbrechen ihre Väter verantwortlich sind

FOLIA THEOLOGICA 22 (2011) 153 Peter Főnk ERBSCHULD - SÜHNE - GNADE. WARUM KINDER NICHT FÜR DIE VERBRECHEN IHRER VÄTER VERANTWORTLICH SIND I. Die Erfahrung von Erbschuld als Merkmal deutscher Geschichte Für die Kinder prominenter Eltern kann es sich als Problem erweisen, ihr eigenes Leben im Schatten berühmter Eltern zu führen. Viele ver­suchen ein Leben lang vergeblich, aus diesem Schatten herauszutreten. Für die Kinder jener Väter aber, deren fragwürdige Berühmtheit darin gründet, daß sie in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches, während der Nazi-Diktatur in Deutschland, eine Führungsposition bekleideten und so hauptverantwortlich oder zumindest entscheidend mitverant­wortlich für den Holocaust waren, wird dieser Versuch zu einer wah­ren Titanenarbeit. Ohne Hilfe von außen schafft es wohl kaum einer. Viele wählen den Ausweg der Verdrängung, die in Deutschland nach 1945 nicht nur das private, sondern auch das gesellschaftliche Leben prägte. Die kaum tragbare Last des Schweigens, die ihnen sowohl von ihren Familien wie von der Gesellschaft auferlegt wurde, hat sie in die Isolation gedrängt. Das Schweigen ist eine Erbschaft, die jedem von ihnen zugewiesen wurde. Niemand hat sie gefragt, ob sie einverstanden sind oder ob sie ablehnen wollen. Damit die Betroffenen mit dieser Erbschaft des Schweigens fertig werden können, muß man beginnen, darüber zu sprechen. Oder darüber zu schreiben. Diesen Weg wählte mit Martin Bor­mann, der Sohn des gleichnamigen Sekretärs von Adolf Hitler. Erst im fortgeschrittenen Alter und am Ende seines Berufslebens stehend, entschloß er sich, sein Schweigen zu brechen und sein bisheriges Le­ben, das nach 1945 ein bewußtes und entschiedenes Leben gegen den Schatten des Vaters war, in Form einer Biographie zu veröffentlichen,

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