Folia Theologica 22. (2011)

Török Csaba: Inkulturation. Möglichkeiten und Grenzen eines Paradigmas II.

INKULTURATION 149 kann, sondern ihr Engagement muss sich auch auf die weniger in­tellektuellen und erhabenen Dimensionen der Kultur ausdehnen (z. B. die Arbeiterwelt, die sozialen Fragen, eine Kultur der Armen und der Armut usw.). 4. Die Kultur ist kein bloßes Objekt der Tätigkeit der Kirche, sondern ein Gesprächspartner, der das Recht hat zu antworten, ja sogar nein zu sagen. 5. Wenn die Kirche das Herz der Kultur berühren möchte, soll sie sich bewusst werden, dass Christus auch in der Kultur, außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes gegenwärtig ist. Die Kirche vermittelt der Kultur kein Objekt, das vor dem Beginn des Kontaktes exklusiv in ihrer Macht gestanden hat und über das sie absolute Rechte hat. 6. Die Kirche muss sich bewusst sein, dass sie durch diesen Kontakt bereichert wird; deswegen muss sie bereit sein, auch ihre eigene Identität befragen zu lassen und aufs Spiel zu setzen. Die Probleme, die wir dargestellt haben, geben Zeugnis dafür, dass das Inkulturationsparadigma nicht selbstverständlich diesen Kriterien entspricht. Die grundlegendste Schwierigkeit ist, dass die beiden Part­ner im Dialog ihre eigene Identität bewahren, aber die Inkulturation die Fleischwerdung der Kirche und des christlichen Glaubens in einer konkreten Kultur bedeuten soll, so dass die Kirche ihre Gestalt, ihr „Fleisch" aus der Kultur schöpft. Wird sie so mit der Kultur identisch, oder bleiben die beiden Größen weiterhin unabhängig? An dieser Stelle wird es wieder klar, dass die Analogie zur Fleischwerdung Christi nur mit Kritik anzuwenden ist. Sie soll folgenderweise ver­standen werden: „Im Sinne des »unvermischt und ungetrennt« von Chalkedon muss das Christliche in den Kulturen Heimat und Fremde zugleich bedeuten, so dass es weder mit einer Kultur identisch wird noch sich gleich­sam ghettohaß neben den Kulturen der Welt verwirklicht,"46 Wenn es so ist, dann muss man klar sehen, dass die Inkulturation Grenzen hat - die Frage ist nur, welche sind dies? Welche Autorität legt sie fest? Die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils (z. B. bezüg­lich der Liturgie) oder des Lehramtes (der „Kern" des Glaubens muss unberührt bleiben) sind manchmal unpräzise, lassen aber doch erken­nen, dass das dialogische Prinzip nur unter festen Voraussetzungen in diesem Bereich zu verwenden ist. Man soll einen übertriebenen Kul­46 Waldenfels, H., Inkulturation, 173.

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