Folia Theologica 22. (2011)
Török Csaba: Inkulturation. Möglichkeiten und Grenzen eines Paradigmas II.
INKULTURATION 147 einer gewissen Rückwirkung auf das Leben und das Identitätsbewusstsein der selben Kirche.43 Solange das Christentum auf der Ebene der Modelle seine Missionstätigkeit ausübt, ist es eine freie Option, eine Alternative, zu der die Kultur, besser gesagt, der zu ihr gehörende Mensch, ja oder nein sagen kann, ohne dass diese Entscheidung die Kultur in ihrem Wesentlichen berühren oder umformen würde. Falls es um die Ebene der Postulate geht, ist schon alles anders. Wenn die christliche Botschaft die grundlegenden Postulate der konkreten Kultur berühren, bekehren und umwandeln will, und zwar so, dass sie das Gute und das Ungute trennt, das Gute ergänzt und erhöht, und das Ungute entfernt, dann ist die Kultur in ihrem Wesen nicht nur angesprochen, sondern in einem gewissen Sinne auch angegriffen. Solch ein Schritt muss den kulturellen Selbstverteidigungsmechanismus auslö- sen. Die Kirchengeschichte bietet ein sehr vielsagendes Beispiel dafür an: die Zeit der Christenverfolgungen. Die christlichen Gemeinden wurden, obwohl sie ihre eigenen idealen Modelle und Verhaltensmodelle hatten, die in vielem dem Gebrauch der Gesellschaft widersprachen, dafür nicht verfolgt. Aber in dem Moment, wo sie ein grundlegendes Postulat des Reiches, den Kaiserkult, in Frage gestellt haben, sind die blutigsten Verfolgungen ausgebrochen.44 Der Kaiserkult war nämlich kein rein religiöses Faktum, sondern bedeutete ein Postulat, das das Reich am Leben gehalten hat: Es hat Demokratie und absolute Herrschaft, geregelte Staatsreligion und offenen Polytheismus, Romzentrierte Identität und völkische bzw. relative kulturelle Selbstständigkeit miteinander verbunden. Der Absolutheitsanspruch des christlichen Glaubens hat dieses Grundpostulat nicht akzeptieren können und dadurch den Selbstverteidigungsmechanismus der Gesellschaft ausgelöst. 43 Das Netzwerk der Beziehungen zwischen kultureller und kirchlicher Identität (vom Dialog bis zur geistlichen Unterscheidung der Werte) wird in einem Buch von H. Carrier beschrieben: Carrier, H., Culturas: nuestro futuro, Quito 1988; VI. Kapitel: „Identidad cultural e identidad cristiana", 103-127. 44 Uber diese Epoche und den Umgang der Kirchenväter mit der zeitgenössischen Kultur ist das Werk von C. Gnilka maßgebend: Gnilka, C, XPHEIE. Die Methode der Kirchenväter im Umgang mit der antiken Kultur, I: Der Begriff des »rechten Gebrauchs«, Basel - Stuttgart 1984. II: Kultur und Conversion, Basel 1993.