Folia Theologica 19. (2008)
Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.
264 PUSKÁS, Attila So ist es denkbar, dass die Seinsweise des Menschen nach dem Tod ebenfalls auf analoge Weise mit der qualitativen Zeit gedeutet werden kann, für die die Maße der irdischen physikalischen Zeit nicht anwendbar sind, die aber doch eine vom Individuum erlebte Ausdehnung und Dauer sowie ein Aufeinanderfolgen hat. Wie diese Dauer erlebt wird, wird entscheidend von der Qualität der Beziehung mit Gott, die im Tod endgültig wird, bestimmt. Balthasar schreibt: „Gott ist ,das letzte Ding' des Geschöpfs. Er ist als Gewonnener Himmel, als Verlorener Hölle, als Prüfender Gericht, als Reinigender Fegfeuer." 51 Das göttliche prüfende Gericht nach dem Tod deckt ohne jede Verschleierung die Qualität unserer Beziehung mit Gott, mit unseren Mitmenschen, mit der geschaffenen Welt und mit uns selbst auf und bestimmt die Qualität unseres Seins nach dem Tod: das direkte Erreichen Gottes, das Erreichen Gottes durch Läuterung oder seinen Verlust. Wir können voraussetzen, dass je nach Qualität der Beziehung, die nun endgültig wird, und je nach endgültigem Schicksal der Mensch die Zeit nach dem Tod jeweils anders in ihrer Qualität und Dauer erlebt. Natürlich wissen wir deren genaue Beschaffenheit nicht, wir können nur analoge und hypothetische Schlüsse anstellen. Die Qualität der erlebten Zeit eines Menschen in der Läuterung können wir so umschreiben, dass sie der läuternde Kairos des Lebens von Glaube, Hoffnung und Liebe ist. Die innerlich erlebte Dauer dieses Kairos wird vom läuternden Gedächtnis und vom hoffenden Warten bestimmt. Das dauert so lange, bis das Ganze der eigenen Vergangenheit umgeformt und in die Gegenwart eingebaut wird, die vollständig von der Liebe bestimmt wird. Der Mensch kann nur durch das läuternde und mit Schmerz verbundene Gedächtnis ganz, zusammen mit seinem ganzen vergangenen Leben, gegenwärtig werden vor sich selber und vor Gott. Lässliche Sünden, die in seinem Gewissen nicht früher aufgedeckt worden sind, ungeordnete Wünsche, Restwunden seiner Sünden, Gleichgültigkeit dem Guten gegenüber - das alles sind solche Momente der Vergangenheit, die nur dann in die Gegenwart umgeformt werden können und einen Platz im Ganzen des Menschen, der in Gottes Nähe kommt, erhalten können, wenn sie durch eine vom Heiligen Geist gewirkte Gewissenserforschung, Läuterung 51 Balthasar H. U. v., Umrisse der Eschatologie, in Vebum Caro, Einsiedeln 1960, 282.