Folia Theologica 19. (2008)

Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.

260 PUSKÁS, Attila auch für das Geschehen der Läuterung sind die physikalischen Zeit­maße ungeeignet.47 Er teilt auch den Standpunkt Lohfinks, dass man die Ewigkeit Gottes von der Seinsweise des Menschen nach dem Tod auch vom Gesichtspunkt der Zeitlichkeit her unterscheiden muss. Die beiden Theologen stimmen auch darin überein, dass die verklärte Zeit des Menschen bedeutet, dass seine Geschichte und seine Zeit endgültig werden. Der Standpunkt Ratzingers weicht in zwei wesentlichen Punkten von der Hypothese Lohfinks ab. Während einerseits Lohfink die irdische Zeitlichkeit des Menschen ohne Unterscheidung mit der physikalischen Zeitlichkeit gleichsetzt, und daher nur einen radikalen und unvergleichbaren Unterschied zwischen der irdischen Zeit und der verklärten Zeit feststellen kann, unterscheidet Ratzinger bereits in Bezug auf die irdische Zeitlichkeit zwischen anthropologischer „memoria-Zeit" und der physikalisch-kosmologischen Zeit. Letztere hängt mit der Bewegung der physikalischen Körper zusammen im Sinne der Zeitbestimmung des Aristoteles (aritmos kinéseos) - nume­rus motus secundum prius ac posterius -, und sie dient als objektives Maß: das ist eine Zeit, die im Maß von Jahren, Monaten, Tagen, Stun­den, Minuten und Sekunden messbar ist. Den Grundgedanken der „memoria-Zeit" übernimmt Ratzinger von der Zeitdeutung des heiligen Augustinus, wie sie im 11. Buch der Bekenntnisse aufscheint. Die Schlussaussage des Gedankenganges des Bischofs von Hyppo ist, dass wir, wenn wir die Bedeutung und das Maß der Zeit nur mit der aufgrund äußerlicher Bewegung gezählten physikalischen Zeit identifizieren können, notwendigerweise dazuhin kommen, dass die Zeit eigentlich nicht existiert, da die Vergangenheit nicht mehr ist, die Zukunft noch nicht, und die Gegenwart an der Grenze von zwei Zeiten ohne Ausdehnung ist. Um dieses absurde Er­gebnis zu vermeiden, muss man auch die anthropologische Dimension der Zeit berücksichtigen, und nach Augustinus kann man auch nur auf dieser Basis die Bedeutung der Zeit deuten. In diesem Sinne ist es der menschliche Geist, der die äußeren Bewegungen der sichtbaren und veränderbaren Wesen in dreifach gegliederter Einheit erfassen und wahrnehmen kann: der Geist macht die Vergangenheit gegenwärtig (praesens de praeteritis), er betrachtet die Gegenwart aufmerksam (praesens de presentibus) und erwartet die Zukunft (praesens de fu- turibus). Der menschliche Geist selbst dehnt sich gleichsam auf die 47 Ratzinger, J., Eschatologie, 188.

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