Folia Theologica 19. (2008)

Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.

DIE LÄUTERUNG NACH DEM TOD 221 Der Gedanke der Notwendigkeit einer Läuterung nach dem Tod stammt in erster Linie aus dem Zusammenhang einer grundlegenden Lehre der Hl.Schrift und einer allgemein menschlich/christlichen Er­fahrung.3 Nach Texten des Alten und des Neuen Testaments lädt Gott den Menschen ein und ruft ihn auf zur Heiligung des Lebens. Der Mensch, der mit dem heiligen Gott in Berührung kommt, muss selber ganz heilig werden. Es ist eine Forderung des Bundes und der Gemein­schaft mit dem heiligen Gott, dass sich der Mensch von der Sünde ab­wende, sich bekehre und heüig wird, indem er seinen ganzen Willen, sein Herz und sein Leben nach dem Willen Gottes umwandelt. Das Streben nach Lebensheiligung ist nach der Bibel nur aus der Kraft des Geistes Gottes heraus möglich und erfordert vom Menschen eine stän­dige Läuterung. Es ist aber allgemein menschliche und christliche Er­fahrung, dass die meisten Menschen so aus dem irdischen Leben schei­den, dass sie grundsätzlich ja zum Willen des heiligen Gottes gesagt haben, aber diese ihre Entscheidung ihr Leben nicht voll und ganz durchdrungen hat. Sie sind den Weg der Läuterung gegangen, sie sind aber nicht ganz geläutert worden und sind noch nicht restlos fähig zur seligen und unverlierbaren Gemeinschaft mit dem heiligen Gott. Die Kirchenväter und später die Theologen des Mittelalters charakterisier­ten sie als die, „die nicht ganz gut und nicht ganz schlecht" sind, oder anders ausgedrückt: „die Mittelmäßigen".4 Spätere Äußerungen des Lehramtes sagen, dass diese Menschen im Stand der heiligenden Gna­de sind; dass sie mit der Gottes- und Nächstenliebe im Herzen und in Gottesfreundschaft, aber noch nicht vollkommen rein gestorben sind. Ausgehend einerseits von dieser wesentlichen Erfahrung und an­dererseits von dem göttlichen Gebot, das uns dazu aufruft, ganz heilig zu werden, sowie von Gottes Heilswillen, kamen die Kirchenväter zu dem Schluss, dass die Läuterung für die Verstorbenen möglich und 3 Ziegenaus, A., Die Zukunft der Schöpfung in Gott, Eschatologie, in Leo Scheff- czyk-Anton Ziegenaus, Katholische Dogmatik VIII, Aachen 1996, 156 f. 4 Vö. Aurelius Augustinus, Enchiridion de Fide, Spe et Caritate, 183-185, in PL 40. Augustinus spricht an dieser Stelle von denen, die nicht gut genug sind, um keine Gebete von uns mehr zu brauchen, und nicht schlecht genug, dass die Gebete ihnen nichts nützten. Die augustinische Kategorie „nicht sehr gut" und „nicht sehr schlecht" lebte danach auch bei den mittelalterlichen Theologen weiter (Petrus Lombardus, Peter von Poitiers, Peter von Capua), an manchen Stellen wird der Inhalt des augustinischen Sprachgebrauchs mit „mittelmäßig gut" bzw. „mittelmäßig schlecht" wiedergegeben.

Next

/
Thumbnails
Contents