Folia Theologica 18. (2007)

Imre Koncsik: Synergetische Hermeneutik - Grundlagen und Perspektiven

SYNERGETISCHE HERMENEUTIK 91 kundäre Repertoire durch erfahrungsinduzierte Selektion bedingt: in dieser Phase postnataler Entwicklung werden Synapsenpopulatio­nen selektiv durch ihre reziproke Koppelung verstärkt bzw. abge­schwächt. Die Aktivierungsintensität zeitigt einen unmittelbaren Effekt auf die neuronale Architektur, wie wenn durch die elekro- chemische Wirkung die Wirklichkeit der Neuronen modifiziert wird: die Internalisierung von Informationen aus der Umwelt erfolgt durch eine interne Dynamik hinsichtlich der Stabilisierung bzw. Destruktion von Kohärenzen und neuronalen Interdependenzen. Stets erfolgt durch ein synergetisches Zusammenwirken ein synko­pisches Zusammenwachsen, wobei die kausale Initiierung klar nicht gemäß einer linearen Determination höher etablierter Levels durch Sublevels verläuft, sondern der relativen Autonomie gemäß einer Autopoesie der sich konstituierenden Ebenen entscheidend Rechnung trägt. Hinsichtlich der Perzeption und Evaluation von photonischen In­puts aus der Umwelt greifen erneut synergetische Mechanismen: zunächst wird die einfallende Information der differenten huma­nen Sensoren in heterogene Sektoren seziert und seriell „verarbei­tet". Erst nach dieser Vorarbeit erfolgt auf einer weiteren Verarbei­tungsebene, die primär in der Grohirnrinde lokalisiert ist, eine par­allele Verarbeitung der einfallenden Signale, der eine parallel aufge­stellte Architektur korrespondiert - eben durch das o.g. reziproke Kartieren bzw. durch das Reentry zwischen Maps resp. Gehirnkar­ten als Projektionen von funktional separierten Einheiten des Kör­pers auf segregierte Areale des Gehirns. Erst auf dieser parallelen Ebene kommt es zur Synchronisierung neuronaler Entladungen21: gleichzeitig feuernde Neuronen bilden ein dynamisches Ensemble und wirken als Ensemble (und nicht etwa individuell) auf die Gene­se weiterer nachgeschalteter Ensembles. Das individuelle Neuron scheint austauschbar: es kann sowohl ohne merkbare Ineffizienz absterben als auch diversen Ensembles zugehören bzw. „von ih­nen" zu ihrer Funktionsausübung „geborgt" werden. Hier scheint sich beinahe ein unfassbares holistisches Ganzes zu etablieren, das 21 SINGER, W., Der Beobachter im Gehirn, in: MEIER. H.; PLOOG, D. (Hgg.), Der Mensch und sein Gehirn. Die Folgen der Evolution, München 1997, 35-66, 54

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