Folia Theologica 17. (2006)
Imre Koncsik: Künstliche Intelligenz - was kann die Dogmatik zur Diskussion beitragen?
94 I. KONCSIK rung „vertikal" durch einen exzeptionellen divinen Input als maximale Annäherung an den Absolut-Maßstab der gottmenschlichen Union disponiert. Daher besagt „Selbstkonstituierung" stets auch ganz eine göttliche Konstituierung, welche im freilassenden Gewähren des Aufbaus des „Reiches Gottes auf Erden" und somit in der Ermöglichung neuer Freiräume der kirchlichen Selbstgestaltung kulminiert: je mächtiger, unmittelbarer und inniger die göttliche Wirkung, desto ermächtigter, selbst-unmittelbarer und freier ihre ekklesiale Umsetzung und desto wirksamer wird das erreicht, was es im eigentlichen Sinne heißt „zu sein". Das impliziert eine Maximierung des Selbstseins - Vollmacht, göttliche Stiftung, sakramentale Ermächtigung - und des Für-Seins - Dienst an der Menschheit, Verkündigung, Zeugnis - der katholischen Kirche. Selbstevidenz Insofern das Sein in seinem letzten Grund selbstexplikativ, weil sich selbst erklärend72, und selbstevident, weil sich selbst auslegend, ist, gilt das in besonderem Maß von der auch ontologisch reflektierbaren Gegebenheit, die auf eine besondere göttliche Wirkung zurück geführt werden kann: von der katholischen Kirche. Sie ist in eben dem Maße evident wie die Neugeburt im Glauben für den Betroffenen evident ist73. In ihr erfahren die ontologisch neutralen Prädikationen des Seins eine verschärfte Ausprägung: aus dem Realitätsanspruch der Wirkung Gottes, wie sie im o.g. Glaubensaxiom postuliert wird, folgt ihre Selbstevidenz, die sich besonders im ontologisch zu deutenden judikativen Vollmachtsanspruch sowie im legislativen Absolutheitsanspruch und exekutiven Wahrheits- und Gerechtigkeitsanspruch manifestiert. Sie werden in johanneischer Terminologie nicht „im eigenen Namen" erhoben, sondern „im Namen Jesu Christi", also kraft des sich in der Kirche 72 Bereits Aristoteles erkennt die intuitiv selbsterklärenden Prinzipien des Seins, auf denen alle Wissenschaft wie auf einem letzten Grund aufruht (Met. IV, 1). 73 Gedacht ist an die ekklesiologische Aussage von SCHLEIERMACHER, F., Der christliche Glaube. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhänge dargestellt, 7. Aufl., hg. von M. REDEKER, Berlin 1960, wonach die christliche Kirche das Zusammentreten der Wiedergeborenen ist (Band II § 115).