Folia Theologica 17. (2006)

Michael-Thomas Liske: Monotheismus bei Plotin

MONOTHEISMUS BEI PLOTIN 159 Fall, wenn Plotin Gott vor allem als Person begriffe, so daß er ver­schiedene göttliche Personen annähme. Tatsächlich aber sieht er darin eher eine ursächliche Wirkkraft. Dies geht etwa aus V 4: c. 1 hervor. Weil das Erste, Eine schlechthin einfach ist, ist es Prinzip von allem anderen und zwar nicht zufälligerweise, sondern so daß alles andere notwendig von ihm abhängt (váyKT|á, vgl. 1, 36-39). Als Einfaches ist es das Vollkommenste, die höchste Wirkkraft (öüvaptq fi nptúTTi, ôuvcacbTocTov) (1,21-25).10 Denn Vollkommenheit bedeutet Seinsfülle, die sich - gleichsam überströmend - an andere mitzutei­len strebt. In der Einheit liegt auch unmittelbar ursächliche Kraft, da etwas nur durch die Einheit bestehen kann. Was aus einer Viel­heit von Personen z.B. ein Heer macht, ist die einheitliche Heeres­ordnung. Ein solches oberstes Prinzip wirkt aber nicht personal durch vernünftige Überlegung und freien Willensentschluß,11 son­dern mit der Notwendigkeit seiner Natur. Die deterministischen und nezessitaristischen Implikationen dieser neuplatonischen Sichtweise sind kaum zu vermeiden.12 Denn dieses Prinzip wirkt aus seiner Vollkommenheit, also seiner ontologischen Natur heraus und damit zwingend. Auch wenn eine Kennzeichnung des Ersten Liebe (ëpoç) ist, ist damit mehr ein naturaler Drang sich zu ver­schenken gemeint als eine freie Zuwendung. Wenn unter 'Gott' vor allem die Kräfte einer geistigen Produktivität gemeint sind, dann 10 KENNEY, Mystical Monotheism, 104f., kennzeichnet diese Position als Axi- archismus, daß etwas in dem Grade seines ontologischen Wertes schöpferisch wirkt, so daß das Wertvollste zugleich das höchste Seinsprinzip ist. Eine sol­che werthafte Ontologie findet sich schon bei Platon, daß das wahrhaft Seien­de stets das Hochwertigste, Vollkommenste sei. 11 Inwiefern man dem Einen keinen eigentlichen Willen zuschreiben kann, erör­tert Plotin in VI 8. Montserrat JUFRESA, Basilides, a Path to Plotinus, in: Vigiliae Christianae 35 (1981), 1-15, bes. 4f., betont: Plotins Eines transzen­diert Intellekt und Willen (jedenfalls im Sinne eines Vermögens zur Wahl). 12 Werner Beierwaltes, in der Einführung zu: Plotin, Geist - Ideen - Freiheit (Enneade V 9 und VI 8), Hamburg 1990, XXXIII, schreibt dem Einen zwar die einzige wahrhafte und absolute Freiheit zu, präzisiert dies aber so: Diese Freiheit schließt keine Wahlmöglichkeit ein, sondern erweist sich als die in­nere Notwendigkeit zum Besten, die frei ist von jedem äußeren und inneren Zwang. - Nach Georges LEROUX, Human freedom in the thought of Ploti­nus, in: LI. P. GERSON (Hrsg.), The Cambridge Companion to Plotinus, Cambridge 1996, S. 292-314, vereitelt die metaphysische Notwendigkeit des kosmischen Geschehens gemäß Plotins kompatibilistischer Sicht nicht die Freiheit des Menschen und seine Verantwortung für ein sittliches Handeln.

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