Folia Theologica 17. (2006)
Michael-Thomas Liske: Monotheismus bei Plotin
156 M-TH. LISKE sten nicht in einem von ihm verschiedenen Gegenstand gründen. Ferner ist unbedingte Gewißheit als Auszeichnung des Denkens nur zu erreichen, wenn das Denken seinen Gegenstand unmittelbar in sich selbst hat und er ihm nicht von außen vermittelt zu werden braucht. Bei Aristoteles bleibt unklar, was der göttliche Geist eigentlich denkt, indem er sich selbst denkt. Plotin macht dies klar, indem er Aristoteles' höchstes Prinzip, den sich selbst denkenden Geist, mit Platons höchsten Seienden (dem Kosmos der Ideen oder idealen Vorbilder der Dinge und Qualitäten der sichtbaren Welt) gleichsetzt. Der göttliche Geist ist für Plotin nichts anderes als der Kosmos der idealen intelligiblen Gehalte, die seine Denkinhalte ausmachen. Indem der Geist sich selbst denkt, denkt er folglich die idealen Paradigmen von allem.3 Dennoch ist er für Plotin nicht das höchste Seiende, weil er keine höchste Einfachheit aufzuweisen vermag; seine Einheit ist nicht ursprünglich, sondern aus Vereinigung (Synthese) hervorgegangen. So sind Denken und Gedachtes zumindest begrifflich unterschiedene Momente, auch wenn sie realiter in eins koinzidieren. Neben dieser Subjekt-Objekt-Spaltung ist beim Geist aber vor allem durch eine Vielheit unterschiedener Denkinhalte die Einfachheit gesprengt. Indes ist der Geist in seinem aktiven intuitiven Erkennen im höheren Grade einheitlich als die von ihm hervorgebrachte Seele. Diese faßt als ein rezeptives Vermögen die einzelnen intelligiblen Gehalte getrennt auf und geht sie in einem diskursiven Erkennen nacheinander durch. Der Geist als intuitives Erkenntnisvermögen demgegenüber erfaßt im Einzelnen irgendwie bereits das Ganze, sofern das Einzelne holistisch als besondere Gegebenheitsweise des Ganzen verstanden werden kann.4 So sind die Tugenden zwar getrennte intelligible Gehalte, aber - im Sinne von Platons Einheit der Tugenden - kann man eine Tugend nicht besitzen, ohne alle anderen auch zu haben. Um gerecht zu sein, muß man weise und maßvoll urteilen und muß den inneren Mut besitzen, das als recht Erkannte durchzusetzen. Oder (mit einem Beispiel Plotins): Im vollen Verstehen eines einzelnen wissenschaftli3 Diese Identität begründet Plotin III 9: 1,8-10 damit, daß der göttliche Geist, wären die intelligiblen Gegenstände von ihm getrennt, es mit bloßen Abbildern von ihnen zu tun hätte, so daß die Gewißheit seines Erkennens nicht gewährleistet wäre.