Folia Theologica 17. (2006)

Michael-Thomas Liske: Monotheismus bei Plotin

154 M-TH. LISKE transzendiert es als Prinzip der Göttlichkeit auch Gott?1 In der Tat sagt Plotin in der gewichtigen Abhandlung über das Gute oder das Eine VI 9 vom Höchsten: "Wenn man ihn als Geist (voûç) oder Gott begreift, so ist er mehr (ttÀèov)." (VI 9: 6,12f.). Hier findet sich der eine Teil der These, das Eine sei selbst etwas über Gott Hinausge­hendes. Die andere Hälfte, das Eine sei für anderes Prinzip der Göttlichkeit, spricht Plotin kurz danach aus, wenn er von den See­len sagt: "Wenn sie sich auf dieses Eine zubewegen, dann sind sie Götter (0eoi eioi). Denn Gott ist, was mit jenem Einen verbunden ist. Was sich aber von ihm entfernt, das ist der vielgestaltige Mensch oder ein Tier." (8,8-10) Legen wir Plotins Unterscheidung dreier Hypostasen, d.h. von drei Typen geistiger Substanzen: Eines, Geist, Seele zugrunde, dann schreibt er (nach den bisherigen Zitaten zu urteilen), das Prä­dikat 'Gott' nicht der höchsten, sondern nur den zwei abgeleiteten Hypostasen zu. Die Seele als die unterste Hypostase nimmt schon in Platons Timaios eine Art Zwischenstellung zwischen dem Geisti­gen und der Körperwelt ein. Damit kommt es (gemäß der letztzi­tierten Stelle) auf unsere Lebensweise an: Wendet die Seele sich ih­rem geistigen, göttlichen Ursprung zu, dem Einen, dann wird sie selbst ein göttliches Wesen; kehrt sie sich dagegen von diesem ab und dem Materiellen zu, dann ist sie ein bloßes Körperwesen, das den Bedingungen der uneinheitlichen, immer weiter in Teile zer­legbaren Materie unterworfen ist. Das Wort 'Geôç' ist hier offenkun­dig nicht in der Weise eines jüdisch-christlichen Monotheismus als Name des einzigen, höchsten Gottes gebraucht, sondern eher im Sinne des heidnischen griechischen Polytheismus als Prädikat für irgendein geistiges, übermenschliches Wesen. In diesem Sinne ei­nes personalen Geistwesens, das uns irgendwie greifbar ist, ist das höchste Prinzip, das Eine, kein Gott. Die neuplatonische negative Theologie läßt sich recht gut am Bild des Kreismittelpunkts verdeutlichen. So wie im Kreismittel­punkt irgendwie die ganze Kreisfläche zentriert ist, liegt auch im 1 Hans Joachim KRÄMER, Der Ursprung der Geistmetaphysik, Amsterdam 1964, 344, pflichtet R. Arnou in der These bei "... das ëv sei nicht Gott, sondern Götterprinzip ...” Arnou entfaltet diese These in: Le Désir de Dieu dans la philosophie de Plotin, Rom “1967, v.a. 133.

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