Folia Theologica 1. (1990)

Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?

GEWISSEN 79 Jeder Irrtum im ethischen Bereich, in dem es um das Gelingen von Menschsein insgesamt geht, kann verheerende unmenschliche Folgen haben. Versäumnisse in der Gewissensbildung beeinträchtigen die Ge­wissensfunktion und machen einen Menschen anfällig für Manipula­tion. Ein ungebildetes Gewissen ist leicht manipulierbar. Eine Berufung auf das eigene Gewissen als Deckmantel für Bequemlichkeit, Egoismus und Rückzug aus der Solidarität mit der Gesellschaft müßte auf lange Sicht zur Mißachtung des legitimen Rechtes auf Gewissens­freiheit in dieser Gesellschaft führen und damit unweigerlich zu totali­tären Regimen. Vielleicht ist nirgends die Möglichkeit des Mißbrauchs so groß wie bei der Berufung auf das eigene Gewissen. Umso wichtiger ist die ständige Weiterbildung dieses Gewissens. Aber wie? Am Anfang der Lebensgeschichte steht, wie wir bereits gesehen haben, die heteronome Sicht meiner selbst, die mir andere liefern. Im über­leit, der Vorgestalt des Gewissens, werden die in den nächsten Bezugs­personen konzentrierten gesellschaftlichen Normen und Erwartungen Bestandteil des Menschen auf dem Weg zur eigenständigen Persönlich­keit. Aber "menschliche Erziehung zielt im Unterschied von der Dressur nicht bloß auf normgerechte Verhaltenssteuerung, sondern auf den Aufbau einer selbständigen Verantwortungsinstanz im jungen Menschen".28 Seine Reife erlangt das Gewissen dann, wenn es sich mit Hilfe der praktischen Vernunft an der Wirklichkeit bewährt. Zeitlebens sind die meisten Menschen auf die Orientierungshilfen jener Instanzen angewiesen, die den Anspruch der Wirklichkeit ausle­gen und in denen die Erfahrung bewährter und gelungener Lebensge­staltung aufbewahrt und weiter entfaltet wird. Dies muß noch kein übel sein, denn die darin zunächst erfahrene Fremdgesetzlichkeit morali­scher Inhalte muß noch keine Heteronomie des Gewissens bedeuten. Die Reife des Gewissens erweist sich ja geradezu darin, daß es sich ständig um die menschlich richtigen normativen Einsichten bemüht und daran weiter wächst. Ethische Normen wollen den Menschen ja gerade nicht in steter Abhängigkeit halten, sondern haben den Sinn, den Menschen in jene Wahrheit einzuweisen, in der er über sich hin­auswachsen und zum autonomen Gewissen finden kann, in dem er sich 28. G. GRIESL, Gewissen. Ursprung, Entfaltung, Bildung Augsburg 1970,12.

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