Folia Theologica 1. (1990)

Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?

74 G. VIRT damit ein Gefühl des Sich-verlassen-dürfens in Bezug auf die Glaub­würdigkeit anderer wie die Zuverlässigkeit seiner selbst.22 Daß ich mich auf eine andere Instanz verlassen kann als bloß auf das gesellschaftlich vermittelte Selbstbild, setzt voraus, daß ich verläßli­chen Boden finde auf einer anderen Ebene. Ein solch unbedingtes Ver­trauen kann aber seinen letzten Grund nicht in begrenzten, noch so guten Menschen haben. Es gilt also zu unterscheiden zwischen dem, was vermittelt wird und dem Vorgang der Vermittlung sowie den In­stanzen dieser Vermittlung. Auf den Grund eines solch unbedingten Vertrauens kann durch Menschen hingewiesen und in dieser Weise ver­mittelt werden, aber geschaffen kann er durch Menschen nicht werden. Wer immer einen Entwurf seiner Identität wagt, ob nun in Form einer Berufsentscheidung oder einer scheinbar inbedeutenden alltäglichen, aber wirklichen Entscheidung zur Treue in sittlichen Dingen, kann dies nur wagen, wenn er nicht bloß auf schwankendem Boden steht, sondern einem Grund der Wirklichkeit als einem absolut guten trauen darf. In jeder wirklichen Gewissensentscheidung ist der Mensch vor die Frage gestellt, ob er diesem Grund, den er in keiner Weise gegenständlich vorweisen kann, trauen darf. In jeder wirklich sittlichen Entscheidung steht der Mensch vor dem Geheimnis, das der Gläubige stammelnd Gott nennt, für das der noch nicht Gläubige wohl keinen Namen hat, auf das er aber als letzte Voraussetzung für das Wagnis eines absoluten Einsatzes für das Gute genauso baut. Theologisch vertieft und gedeutet gründet eine ethische Entscheidung in der Offenheit des Menschen für den guten Schöpfer einer guten Schöpfung. Es kann sich bei diesem Gedankengang nicht um einen anthropologischen oder gar ethischen Gottesbeweis handeln, sehr wohl aber um den Aufweis eines letzten vorausgesetzten Grundes im Vollzug der Identitätsfindung, mit dem unausweichlich die religiöse Frage gestellt ist als Frage nach dem Er­fahrungsaspekt des zunächst so formal klingenden obersten Prinzips der praktischen Vernunft: Das Gute ist zu tun und das Böse zu meiden. Thomas hat diesen in jedem Gewissensurteil eingeschlossenen Grund "synteresis" genannt. Dieses Urgewissen besteht im Vertrauen auf eine 22. E. ERIKSON, Identität und Lebenszyklus, Frankfurt 1973, 62.

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