Folia Theologica et Canonica, Supplementum (2016)

Géza Kuminetz, Aktualitdt der thomistischen Staatsidee

AKTUALITÀT DER THOMISTISCHEN STAATSIDEE 181 10. Wir miissen feststellen, dass sich die staatlichen Rechtsordnungen (die Interessen geltend machenden Ordnungen) der zivilisierten Welt immer starker von ihrer moralischen Grundlage entfernen, denn nach ihrer Auffassung gibt es in objektivem Sinne genommen nur eine einzige moralische Ordnung, der die Moral der gegebenen Nation oder des gegebenen Staates mehr oder weniger nahe kommt. Sonst können wir nicht iiber einen wahren moralischen Imperativ sprechen. Ohne moralische Begründung, genauer gesagt ohne den Rechts- schutz der moralischen Ordnung wird auch die Rechtsordnung selbst zu einem grausamen Mittel des erbitterten Kampfes zwischen den partiellen Interessen. Zusammenfassend können wir sagen, dass der auf die vom hi. Thomas ver- fasste Idee gebaute Staat weder ein Polizeistaat ist, der seine Untertanen auf eine ungerechtfertigte Weise bevormundet, noch ein totalitarer Staat ist,71 der die grundlegenden Personenrechte aufhebt und das Individuum ais Mittel auf dem Altar des gesellschaftlichen Fortschrittes opfert, noch ein liberaler Staat, der seinen Bürgern mit der Ausserkraftsetzung des moralischen Gesetzes eine vollkommene Freiheit zur Selbstverwirklichung gibt, noch ein Wolfsstaat, in dem die Bürger erbitterte Feinde voneinander im Kampf der Interessen und der Geltendmachung sind, noch ein theokratischer Staat. der - eine Religion offi- ziell gemacht - Menschen von anderen Religionen oder Weltanschauungen gerade nur erduldet oder verfolgt, sondern er ist ein solcher Staat, der eine auf organische Weise ausgebaute moralische Person, das heisst souveran ist, ein wacher Bewahrer des Gemeinwohls und des moralischen Gesetzes, der von seinen Bürgern den Dienst des Gemeinwohls erfordert und ihnen die Segen des staatlichen Daseins zur gleichen Zeit proportioned zuteil werden lasst. Mit einem Wort bekennt die christliche Auffassung eine Staatsidee, in der das Wirken im öffentlichen Leben eine Ehrensache ist. Eben deshalb kann ein dauerhafter und menschenwürdiger Frieden nur von dieser Staatgestaltung erwartet werden. Wir können jedoch auch so formulieren, dass Christus gleich- zeitig auch der Erlöser des Staates ist, ohne dass das Christentum eine Staats- religion oder eine privilegisierte Religion ware, ohne dass der nach der Christi Auffassung gebaute Staat des Gewissens von irgendjemandem hohnsprechen würde. Dieser Staat ist der Traum und der Staat der Verwirklichung der ewigen moralischen Idee, wo die Bürger nicht in Erfolg, Macht und Genuss wettstrei- ten, sondern sie messen sich miteinander in der heroischen Ausübung der Tugenden, besonders der moralischen Tugenden die Begabung, den Fleiss und die Kraft. Dieser Staat schützt einerseits seine Bürger vor der zerstörenden Wirkung der Damonen, andererseits setzt er ihnen als Ziel die Befolgung der edelsten Ideale, und er fördert auch ihre wirksame Verwirklichung. 71 Deshalb habén in diesem Staat weder das Kapitalismus noch das Imperialismus noch die Dikta- tur noch das Nationalismus noch das Internationalismus noch das Revolutionismus noch das Militarismus einen Platz, als Grundverderber der Staatsidee. Vgl. Manser, J„ Das Naturrecht, Wien 1950.611-623.

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