Folia Theologica et Canonica, Supplementum (2016)

Géza Kuminetz, Aktualitdt der thomistischen Staatsidee

148 GÉZA KUMINETZ von dem.6 Obwohl die nötigen Voraussetzungen für die Entstehimg des Staates auf einem spezifischen Entwicklungsniveau dér menschlichen Geschichte gegeben sind, das heisst ein langer Weg zu dieser Station führt, treibt jedoch eine Art von natürlicher Notwendigkeit die Menschen zum staatlichen Dasein. Diese Notwendigkeit is aber keine Darwinsche Notwendigkeit (also nicht die im voraus kodierte Zwangslaufigkeit), sondem das Ergebnis bewusster und rationeller Tátigkeit dér staatsbildenden Gemeinschaften und geschichtenfor- menden Menschen. Das Wirken des menschlichen Verstandes kann nicht ein- mal aus dem natürlichen Prozess dér Entstehung des Staates ausgeschaltet werden. Nach dér thomistischen Auffassung ist die Vergesellschaftung des Menschen eine Folge von organischer, also nicht von künstlicher Organisie- rung. Das setzt jedoch voraus, dass auch die früheren Stufen von Menschen geschaffen wurden, also ihre, dem Staat vorausgehende Rechtsstellung be- rücksichtigt werden müssen. lm entgegengesetzten Fali entsteht eine verzerrte Staatsidee, wessen Folge letzten Endes die Entfremdung des Menschen von sich selbst, vöm Staat und von Gott ist. Sowohl die Gesellschaft als auch dér Staat besteht aus Menschen. Deshalb belasten und kommen den Menschen auch im Staat bestimmte, sich aus dem Menschenwesen ergebende Rechte und Pflichten zu. Das ist aber nicht so zu verstehen, dass dér Mensch alléin fahig ist, diese Rechte geltend zu machen und diese Pflichten zu erfüllen. Obwohl das Individuum, dér Mensch dér substantielle Faktor ist, und die Gesellschaft als solche nur so modellisiert werden kann, als ein rationales System von organi- schen Relationen von Menschen, wird jedoch das Individuum ohne die gesellschaftlichen Beziehungen höchstens dér Einzelne dér Spezies, aber es wird nicht zűr Persönlichkeit des menschlichen Geschlechts. Das wesentliche Element des menschlichen Wesens ist also die gesellschaftliche Relation.7 Das bedeutet, dass der Mensch ohne diese Dimension kein vollwertiges Leben 6 Vgl. „Der Prius (ein Ausdruck von S. Horváth, der die Prioritat bedeutet), den Aristoteles dem Staat zuschreibt, bezieht sich nicht auf den Vorrang der Entwicklung, sondern er bezeichnet die unwiderstehlichen Leitung der Kráfte, die in der menschlichen Natur wurzeln, mit ihr notwendi- gerweise gegeben sind und eben deshalb zweckmassig wirken, gegen den Höhepunkt der Entwicklung, den Staat, die Person gewordene und als Person auftretende Gesellschaft... Vom Gemeinschaftsleben zum Staat führt ein langer Weg, und wir stehen dem Staat nur dann gegenüber, wenn die Gesellschaft als ein selbstándiges und sich von alien individuellen Oder in der Gruppé der Einzelnen residierenden Rechten wesentlich unterscheidendes Rechtssubjekt und Rechtsquelle vor uns steht”. Vgl. Horváth, S., Szent Tamás állameszméje [Die Staatsidee vom hi. Thomas von Aquin], 284. 7 „Der vollkommen in sich, ausserhalb von jeder Gesellschaft lebende Mensch ist geschichtlich unbekannt, und psychologisch bedeutet so eine Unmöglichkeit, dass Aristoteles in ihm ent- weder eine regelwidrige Verirrung Oder das Gemeine vollkommen überholende übernatürliche Erscheinung ahnte. Das sich selbst völlig befriedigende, oder mit einem einzigen Begriff aus- driickend, die Idee des Menschen aus seinem eigenen Kraft verwirklichende Individuum birgt nicht nur eine moralische sondern auch eine wirklich physische Unmöglichkeit in sich.” Vgl. Horváth, S., Szent Tamás állameszméje [Die Staatsidee vom hi. Thomas von Aquin], 285.

Next

/
Thumbnails
Contents