Folia Theologica et Canonica 1. 23/15 (2012)

IUS CANONICUM - Joseph Gehr, Die Förderung der affektiven Reife in der Seminarausbildung. Eine unerlässliche Voraussetzung zur Vorbereitung auf das zölibatäre Leben des Priesters

236 JOSEPH GEHR ersten Bereich zuzuordnen, der menschlichen Bildung, die das Fundament der priesterlichen Erziehung ist30. Sie erfolgt im Rahmen einer Anthropologie, die die ganze Wahrheit des Menschen erfasst und die durch die geistliche Formung vervollkommnet wird31. Die Ausbildung zur gefühlsmäßigen Reife fügt sich in die Formung der menschlichen Reife „als Ergebnis der Erziehung zur wahren und verantwortungsvollen Liebe“32 ein. Wegen der hohen Bedeutung der affek­tiven Reife für das Gelingen des ehelosen Lebens um des Himmelreiches wil­len bedarf es einer Klärung der Frage, wie es um ihr Wesen bestellt ist. 3. Zum Wesen der affektiven Reife Die affektive Reife ist ein Teil der gesamtmenschlichen Reife, die eine komp­lexe Realität darstellt und in ihrem Wesen nicht leicht zu erfassen ist33. Nicht weniger schwierig ist es, das Wesen der Reife im Gefühlsbereich zu beschrei­ben. „Als Komponente des Seelenlebens wird das Gefühlsleben verschieden verstanden: als der ganze Komplex der äußeren und inneren Reaktionen auf das Bedürfnis nach Befriedigung, als Fähigkeit, Gefühle und Gemütsaufwallungen zu verspüren, als Fähigkeit zu lieben, oder als Anlage, interpersonale Bezie­hungen herzustellen“34. Diese Beschreibung lässt erahnen, dass die Erziehung zur affektiven Reife eine umfassende Aufgabe ist, die im Verlauf des Heran­wachsens einer Persönlichkeit nur schrittweise bewältigt werden kann. Es wird möglich sein, auch im fortgeschrittenen Alter Lücken dieses Reifungsprozes­ses zu schließen, jedoch schwieriger und bisweilen schmerzlicher als in der Phase des Erwachsenwerdens. In bischöflichen Seminaren wird diese Erfahrung gerade heute nicht selten gemacht, da das Alter der Priesterkandidaten - paral­lel zum Heiratsalter - nach oben tendiert. Die „Leitgedanken für die Erziehung zum priesterlichen Zölibat“ verwenden Schlüsselbegriffe, die das Verständnis der affektiven Reife vertiefen: „Eine gut integrierte Persönlichkeit lässt der geistigen Natur die Oberhand über die impulsive Natur behalten. (...) Eine Er­ziehung, die den Integrationsprozess einer Persönlichkeit fördern will, muss daher in dieser vor allem die Fähigkeit heranbilden, das emotionale Gleich­gewicht zu bewahren“35. Außer einer integrierten Persönlichkeit und eines emo­tionalen Gleichgewichts bedarf es auch der Fähigkeit der Anpassung, die „darin besteht, mit heiterer Gelassenheit die eigenen Probleme anzugehen, die Verant­30 Vgl. Johannes Paul II., Pastores, Nr. 43^14, 79-82. 31 Vgl. Johannes Paul II., Pastores, Nr. 45, 82. 32 Johannes Paul II., Pastores, Nr. 43, 80. 33 Vgl. Kongregation Unterrichtswesen, Leitgedanken, Nr. 18, 22-23. 34 Kongregation Unterrichtswesen, Leitgedanken, Nr. 20, 24. 35 Kongregation Unterrichtswesen, Leitgedanken, Nr. 20, 24. Hervorhebungen vom Autor.

Next

/
Thumbnails
Contents