AZ ORSZÁGOS SZÉCHÉNYI KÖNYVTÁR ÉVKÖNYVE 1986-1990. Budapest (1994)

II. Az OSZK történetéből és munkájából - Somkuti Gabriella: Az Országos Széchényi Könyvtár újjászervezése 1867-1875. A müncheni szakrendszer bevezetése - Die Neuorganisation der Széchényi-Nationalbibliothek 1867-1875 Die Einführung des Münchner Fachsystems

Fachordnung der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek, München, systematisiert werden. Um das zu be­werkstelligen, wurden ein Mitarbeiter der Bibliothek und einer des Ministeriums zur Studienreise nach Mün­chen entsandt. Dem Minister selbst war die Münchner Bibliothek bestens bekannt, weil er dort in den Jahren der Emigration um 1850 oft gearbeitet hatte. In der Studie wird das bis dahin in der Széchényi Bibliothek angewandte Aufarbeitungssystem und die Fachordnung im Kontext der europäischen Bibliotheksordnungen detailliert behandelt. Es wird darauf hingewiesen, da in schier allen grossen wissenschaftlichen Bibliotheken die Notwendigkeit, Sammlungen aus unterschiedlichen Beständen auf der Grundlage wissenschaftlicher Prinzipien zu einer Einheit zu strukturieren, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannt und auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Aus schon genannten Gründen konnte sich die Széchényi Bibliothek diese Aufgabe erst später vornehmen. Zwecks Information und Orientierung hatte sich die Bibliothek allerding noch 1848 die Statuten der Königlichen Hof -und Staatsbibliothek, München, der Kaiserlichen Hofbibli­othek, Wien und der Prager Universitätsbibliothek zustellen lassen und diese auch ins Ungarische übersetzt. Einzelne Teile dieser Regelungen waren bei der Arbeit schon genutzt, verwendet worden. Der gesamte Bibliotheksbestand wurde 1869-1876 unter der Leitung des hervorragenden Lingu­isten und Bibliothekars Ferdinánd Barna (1825-1895) nach dem Münchner System aufgearbeitet. Im Er­gebnis wurde die nach Fachkriterien geordnete einheitliche Sammlung im Lagerraum untergebracht. Diese Ordnung widerspiegelt sich im als Band angelegten Repertórium und dem alphabetischen, auch den strengs­ten Titelbeschreibungsgeboten gerechten Zettelkatalog. Das Münchner Fachsystem wurde allerdings nicht mechanisch übertragen. Die Zahl der Fachbereiche wurde den lokalen Anforderungen entsprechend ge­senkt; um das Hungarika-Profil der Bibliothek zu betonen, wurden die spezifischen Hungarika-Fachbe­reiche, in erster Linie hinsichtlich der historischen Werke festgelegt. Auch dabei war das "Bavarica"-Fach­gebiet der Münchner Bibliothek richtungsweisend. Abschließend mißt der Verfasser die Restrukturierung der Bibliothek an den Ansprüchen der Zeit. Er stellt fest, da der nach Fachbereichen geordnete Bestand dem allgemein gebilligten Bild einer Bibliothek entsprach, die Neuorganisation den Prinzipien und der Praxis der Bibliothekskunde der Zeit gerecht wurde. Es wird aber auch daruf aufmerksam gemacht, da im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch schon die Signale der Krise dieser Ordnung nach Fachbereichen beobachtet werden konnten. Dazu trug noch bei, daß zu Beginn des 19. Jahrhunderts erarbeitete Münchner System den Ansprüchen der fachwissenschaftlichen Information kaum noch gerecht werden konnte. Negativ schug zu Buche, daß diese Ordnung verhältnismäig viel Platz benötigte und das Signaturwerk zu kompliziert war. Nicht beachtet worden war ausserdem das Prinzip der Provenienz. So konnten die alten grossen Privatsammlungen nicht als Einheit erhalten bleiben, weil das nur in einem nach Numerus currens eingerichteten Lager möglich gewesen wäre. Letztendlich war nicht beachtet worden, dass die Münchner Bibliothek eine den Bezug ihrer Materialien universal angelegte Sammlung war, während sich die Széchényi Bibliothek in erster Linie auf Materialien mint nationalem Cha­rakter konzentrierte und die Werke universalen Wertes einen geringeren Anteil darstellten. Trotzdem darf die Neustrukturierung der Bibliothek positiv beurteilt werden, weil ein unordentlicher grosser Buchbestand binnen verhältnismässig kurzer Zeit zu einer nach fachlichen Kriterien geordneten, brauchbaren Sammlung zusammengefügt wurde. Damit hatte die Széchényi Bibliothek ihren Rückstand aufgearbeitet und war zu einer modern strukturierten Institution europäischen Standards geworden. 276

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