AZ ORSZÁGOS SZÉCHÉNYI KÖNYVTÁR ÉVKÖNYVE 1967. Budapest (1969)

IV. Könyvtörténeti és művelődéstörténeti tanulmányok - Kozocsa Sándor: Grillparzer Magyarországon (Születésének 175. évfordulójára) - Grillparzer in Ungarn

Grillparzer in Ungarn S. KOZOCSA In der Bewertung eines Klassikers der österreichischen Literatur war sich unsere Lite­ratur nicht immer einig. Die Grillparzer-Auffassung imseres geistigen Lebens war in den verschiedenen Zeiten bei den einzelnen Generationen sehr unterschiedlich. Diese, auch nega­tiv anzusehende Stellunghanme resultierte hauptsächlich daraus, dass manche Aussage des Schriftstellers in Verbindung mit siener Heimat missverstanden oder bewusst falsch ausge­legt wurde. Es vergingen viele Jahre, bis dieser falsche Eindruck von ihm abfiel un der Schrift­steller in seiner wirklichen Persönlichkeit vor die kunstinteressierte Öffentlichkeit treten konn­te. Diesen ausserordentlich interessanten Weg möchten wir beschreiben, denn er bietet viele aussagekräftige Momente, die unsere Literatur nur von wenigen ausländischen Schriftstellern in ihrer Laufbahn aufzeigen kann. Mit dem Dramen werk Grillparzers begann nicht mir in der Geschichte der österreichischen Literatur, sondern in ganz Europa ein neuer Zeitabschnitt des poetischen Stils, die wirklichen Werte darin sind zukunftsweisend, damit war Grillparzer seiner Zeit voraus: er verfügte über wunderbares Einfühlungsvermögen in die seelischen Nuancen und rätselhaften inneren Probleme des Menschen. Nicht nur mit seinen Motiven und Tatsachenaufnahmen, sondern mit seinem gesamten Weltbild war er in den Traditionen des österreichischen Barocks, des Wiener feenhaften Spiels und der bürgerlichen Musik ver­wurzelt. Mit seiner Menschenbeschreibung, mit seiner fast pathologisch anmutenden Darstel­lung der Liebe, mit seiner auf Freud zurückgehenden Beschreibung des Instinktlebens und mit seiner Leidenschaft für die Psychoanalyse wurde er weitgehend zum Wegbereiter der Rich­tung des „heutigen" modernen Dramas und kann als würdiger Vorgänger von Ibsen, Strind­berg und Hauptmann angesehen werden. Die Ungarn reagierten zu jeder Zeit lebhaft auf die ethischen und ästhetischen Aussagen Grillparzers, was am wirksamsten damit bewiesen wer­den kann, dass ein grosser Teil seiner Werke in ungarischer Sprache erschien und seine Dramen fast ein halbes Jahrhundert hindurch mit grossem Erfolg auf den ungarischen Bühnen von den grössten ungarischen Künstlern gespielt und von unseren ausgezeichnetsten Kritikern beur­teilt wurden. 408

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