AZ ORSZÁGOS SZÉCHÉNYI KÖNYVTÁR ÉVKÖNYVE 1957. Budapest (1958)
Pozsonyi Erzsébet: Forradalmi röplapok és gúnyiratok 1848-ban
Revolutionäre Flugblätter und Schmähschriften im Jahre 1848 POSONTI ERZSÉBET Flugblätter und Flugschriften sind im allgemeinen fallweise erscheinende Publikationen, Ephemeriden von geringem Umfange; zu Beginn ihrer Entwicklung erscheinen sie als Vorläufer der Zeitungen, im Unterschied zu diesen letzteren werden sie nicht mit gebundener Periodizität veröffentlicht, sondern bloss der Aktualität und meist bestimmten Zwecken entsprechend herausgegeben. Sie wenden sich an die breiten Massen, an den Mann auf der Strasse. Diesen trachten sie mittels ihrer grossen Publizität und dem knappen, leicht fasslichen Inhalt ihren Zwecken gemäss zu informieren und auch zu lenken. Von den, durch berittene Kuriere übermittelten schriftlichen Botschaften der Feudalherren bis zur Erfindung des Buchdrucks, über die Schnellpresse bis zum heutigen Stande der Nachrichtenvermittlung führte ein weiter Weg, der hinsichtlich der Flugblätter auch schon deshalb beachtenswert ist, da die Entstehung und Entwicklung dieser Gattung in engem Zusammenhange mit den einzelnen Phasen der sozialen Entwicklung steht. Zur Zeit des Niederganges der feudalen Gesellschaftsordnung wurden in den Flugschriften die immer krasseren Widersprüche innerhalb der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zum Ausdruck gebracht. In neuerer Zeit erscheinen sie als allgemein verwendetes, wirksames Mittel zur Verbreitung des Humanitätsgedankens und der auch in Beziehung auf die Gesellschaftsordnung geforderten Reformation. Für die Bauernkriege in Deutschland, die ungarischen Freiheitsbestrebungen des XVII. Jahrhunderts, für die bürgerlichen Revolutionen verdienen Flugblätter, Flugschriften, Pamphlete nicht nur als wertvolles historisches Quellenmaterial Beachtung, sondern sie sind auch als Triebkräfte und wirksame Waffen in den Kämpfen ihrer Entstehungszeit des Interesses wert. Auch das Jahr 1848 brachte einen grossen Aufschwung der Flugschriftenliteratur mit sich. Am Anfang stehen die zahlreichen Pamphlete gegen den in der Feberrevolution gestürzten Bürgerkönig Louis-Philippe; sobald dann die Presse in Wien und in Pest zufolge der Märzrevolution das Joch der zweihundert Jahre währenden Kontrolle seitens des Habsburger-Regimes abgeschüttelt hat, nimmt die Zahl der in den beiden Hauptstädten veröffentlichten periodischen Schriften in grossem Ausmasse zu. Die zu Beginn des Jahres 1848 in Wien erschienenen 35 Ephemeriden vermehren sich im Laufe des Jahres um 135 Publikationen; diese Spitzenleistung wurde von der Wiener Presse erst im Jahre 1888 überboten. In Ungarn steigt die Zahl der zwischen 1841—1847 veröffentlichten 104 Periodica im Jahre 1848/49 auf 186. So wie die revolutionären Bewegungen der beiden Hauptstädte historisch eng miteinander zusammenhängen, lassen sich auch hinsichtlich der Flugschriftenproduktion Parallele feststellen, besonders in Bezug auf die satirisch gehaltenen Veröffentlichungen. Dies ist umsoweniger verwunderlich, als ja die beiden, nach Freiheit dürstenden Völker gemeinsame Ziele verfolgten und auch der Gegenstand ihrer Angriffe derselbe war: das absolutistische Regierungssystem und dessen hauptsächliches Instrument, die Kamarilla. Die nahe Verwandtschaft zwischen den Flugschriften Österreichs und Ungarns kommt dadurch umso deutlicher zum Ausdruck, als eine grosse Zahl der ungarländischen Spottschriften in deutscher Sprache verfasst ist. Ihre Verfasser sind — soweit sich dies aus den wenigen Angaben feststellen lässt — in vielen Fällen fortschrittlieh gesinnte, von starkem Nationalgefühl beseelte Journalisten, Buchdrucker und Korrektoren, die aus dem deut362