Csánky Dénes szerk.: Az Országos Magyar Szépművészeti Múzeum Évkönyvei 10. 1940 (Budapest, 1941)

Johann Héjjas: Ein Gemälde Domenico Tintorettos in der städtischen Bibliothek zu Kecskemét

EIN GEMÄLDE DOMENICO TINTORETTOS IN DER STÄDTISCHEN BIBLIOTHEK ZU KECSKEMET 105 rem Bild die engste Verwandtschaft verra­ten, so stossen wir auf Werke, die Tintorettos Sohn, Domenico, geschaffen hatte. Insbeson­dere sind es drei seiner Gemälde, die wegen ihrer auffälligen Ähnlichkeit mit unserem Bild in Betracht kommen: die Taufe Christi — eine freie Kopie des Venezianischen Bil­des — (Abb. 3.), die Geisselung und die Dor­nenkrönung, alle im Besitze des Kapitolini­schen Museums zu Rom. Was die Raumdar­stellung betrifft, herrscht in diesen Bildern die gleiche Auffassung, wie im Kecskeméter Bild. Bei Domenico Tintoretto bildet die Raumlosigkeit stets ein auffälliges Wesens­merkmal seiner Kompositionen, denn der Raum, den er darzustellen wünscht, wird von ihm nicht in drei, sondern in zwei bühnen­artige Raumteile geteilt: in einen Vorder­grund, wo eben die Szene sich abspielt, und in einen den Vorderplan kulissenartig ab­schliessenden Hintergrund. Dieser Hinter­grund besteht entweder aus einer wirren Men­schen-Hecke, wie es in dem den hl. Stephan, den Märtyrer darstellenden Bilde in S. Gior­gio Maggiore zu Venedig der Fall ist, oder aus einem gleichgültigen Landschaftsaus­schnitt, wie in den meisten Kompositionen Domenicos, oder etwa, wie in der Geisselung Christi ersichtlich, aus einer dunkeln, grau­bräunlichen Farbe. Auf diese Weise unter­bleibt in Domenicos Bildern stets die Dar­stellung des Mittelgrundes, der wohl als wichtigstes Mittel der Raumveranschauli­chung zu gelten hat, zumal er als Masstab dient, und dem Auge dazu verhilft, sich in den perspektivischen Verhältnissen des Vor­der- und Hintergrundes zurechtzufinden. Die Gestalten aller vier Bilder wurden ebenfalls nach den gleichen Proportionsgrundsätzen komponiert: Christus und Johannes der Täu­fer sind von überaus schlankem Wuchs, als wollten sie die hochaufgeschossenen Figuren Parmegianinos nachahmen. Auch Venturi stellte fest, dass „von jenem Athletentum, den Jacopo von Michelangelo übernommen hatte, für Domenico nur mehr die Länge üb­rig blieb". 8 Den Morellischen Beweis nach äusseren Zeichen erleichtert der Umstand, dass wir an Gegenstand und Format fast vollkommen übereinstimmende Bilder des Meisters mit­einander zu vergleichen in der Lage sind. Vor allem wollen wir die Aufmerksamkeit auf die meist verräterische Einzelheit, den 3 Adolfo Venturi: Domenico Tintoretto, Storia dell'arte Italiana. Milano, 1929, S. 662. gemeinsamen Kopftypus lenken: auf das von Locken und gekräuseltem Vollbart umrahmte, sanftblickende Gesicht Christi. Die breite Stirn, die flachen Backenknochen und das spitz zulaufende Kinn, das dem Antlitz einen besonders sanften Ausdruck verleiht, sind recht bezeichnend. Dcvh ein nicht minder bezeichnendes Wesensmerkmal der Christus­Köpfe ist der in einer Liebenswürdigen Linie aufwärts strebende Bogen der Nase. Diese physiognomisch typischen Züge sind auch in der knieenden Christus-Gestalt des Kecske­méter Bildes genau vorzufinden: die breite Stirn, das schmale, backenknochenlose Ge­sicht, die lieblich spitzige Nase, sowie das ge­lockte Haar und der gekräuselte Vollbart, die den durchgeistigten Kopf umrahmen. Der als Mensch dargestellte Christus des Kecs­keméter Bildes ist fast ein alter ego des Heilands der Kapitolinischen Bilder. Aber nicht nur die Gesichtstypen, auch die Farbgebung der Gemälde lassen uns eine offenkundige Verwandtschaft feststellen. Die krankhaft grüngelben Nuancen des Körpers Christi und die sonngebräunte, rötlich-braune Körperfarbe des hl. Johannes des Täufers sind in den Gemälden des Kapitolinischen Museums ebenso vorhanden, wie im Kecske­méter Bilde. Die dunkelbraunen und grau­blauen Schatten verdrängen jede andere Farbe, und das viele — vom Meister beim Mischen der Farbe verwendete — Weiss nimmt den hellen Farben den Glanz und macht die dunklen dumpf. Diese Eigenheiten der Farben, die wir als gemeinsame Wesens­züge der Werke Domenicos erkannten, sind desgleichen auch die unverkennbaren Kenn­zeichen der Malerei des Seicento und trennen die Kunst Domenicos schal f von der des Vaters. Im Gegensatz zu Anton Hekler also, der das Kecskeméter Bild bald Jacopo Tintoretto, bald seiner Werkstatt zugeschrieben hatte, glaube Ich — auf Grund der oben dargelegten Analogien — in dem Gegenstand der vorliegen­den Untersuchung eine Arbeit Domenico Tintorettos erblicken zu dürfen. Die allge­meine Anordnung der Komposition, die Raumbildung, die Gesichtstypen, ebenso wie die Körperproportionen und Farben, weisen eine so deutliche Ähnlichkeit mit den Bil­dern des Kapitolinischen Museums auf, dass wir im Kecskeméter Bild wohl die eigenhän­dige Arbeit Domenico Tintorettos zu erken­nen haben. JOHANN HÉJJAS

Next

/
Thumbnails
Contents