Petrovics Elek szerk.: Az Országos Magyar Szépművészeti Múzeum Évkönyvei 9. 1937-1939 (Budapest, 1940)

Andreas Pigler: Florentinische Gemälde aus dem siebzehnten Jahrhundert

FLORENTINISCHE GEMÄLDE AUS DEM SIEBZEHNTEN JAHRHUNDERT Die florentinische Kunst des Seicento lebt in der allgemeinen Meinung wie das Bild eines Schiffes, das nach einer glorreichen, bahnbrechenden Vergangenheit gestrandet ist und, ohne einen Leck erhalten zu haben, doch jede Hoffnung für eine Weiterfahrt verloren hat. Es ist eine merkwürdige Verfallserschei­nung, dass die Malerei der Stadt am Arno­ufer im Laufe des ganzen Jahrhunderts kaum eine Entwicklung aufzuweisen kann und dass sich Cigoli, der ganz im Anfang des Jahrhunderts wirkte, der zwanzig Jahre jün­gere Matteo Rosselli, ja der siebenundfünfzig Jahre spätere Carlo Dolci kaum wesentlich unterscheiden. In dem gleichen engen Rah­men bewegten sich Biliverti, Allori und Vignali. Sie alle fühlten mehr oder weniger den Einfluss Baroccios, aber sie versuchten nur mit sehr geringem Erfolg, sich der den Urbinaten so geheimnisvoll überstrahlenden Kunst Correggios zu nähern. Die alte Tradi­tion ihrer engeren Heimat, die eher von bild­hauerischer Phantasie zeugende zeichnerische Vortragsweise, hat sich gegen diese Umstel­lung hartnäckig gesträubt. Auch der Versuch, ihre Formgestaltung mit dem Kolorismus der venezianischen Maler zu vermählen, zeitigte nicht mehr Erfolg, da sie diese Farbendich­tung von Grunde aus missverstanden hatten und sich damit begnügten, starkleuchtende rote, blaue, gelbe Farbenflecke nebeneinan­der zu reihen und sie sozusagen nachträglich auf die aus Zeichnung und Helldunkel kon­struierten Figuren aufzutragen. Infolge der Gleichförmigkeit, welche die Werke der meisten florentinischen Maler des siebzehnten Jahrhunderts kennzeichnet, ver­mag selbst ein einziges Bildnis (Museum der Bildenden Künste, Budapest; Abb. 1) alle charakteristischen Züge der Richtung in sich zu vereinen. Es müssen als solche Eigen­tümlichkeiten vor allem die Starrheit der Einstellung, die gedrängte Formgebung, die schwerfällige Behandlung des Helldunkels Évkönyv. hervorgehoben werden, sowie die reiche, leb­hafte Farbengebung, in der das Rot der Wan­gen und der Lippen eine bedeutende Rolle spielt. Der gesuchte Liebreiz, die ovale Gesichtsform, der tiefe Schatten der Augen, der reiche Schmuck der Kleidung und Haar­tracht sind auf den Werken dieser Maler eine derart allgemeine Erscheinung, dass sie die Figuren der biblischen Szenen und die dar­gestellten Persönlichkeiten der Porträts zu Geschwistern macht. Wenngleich der Kün­stler auf dem Budapester Bilde die etwas unregelmässige Eigentümlichkeit der Augen seines Modells nicht ganz ausserachtzulassen vermochte, so überzeugt uns doch die Typen­gleichheit mit den Mädchenköpfen auf dem Gemälde „Davids Triumphzug" von Matteo Rosselli (Galleria Pitti, Florenz; eine Wieder­holung im Louvre), dass das bisher der spa­nischen Schule zugeschriebene Bildnis ein Werk des fruchtbaren florentinischen Mei­sters ist. Statt der strengen Ordnung der Spätrenaissance kommt hier und auf ähnli­chen Porträts eine gewisse beabsichtigte Nachlässigkeit, die sogenannte „disinvoltura" zur Erscheinung, wie beispielweise im losen Fall der Haare, in der lockeren Bindung der Bandschleife, im zufälligen Herabgleiten des Mantels und des Schultertuches. Der Um­stand, dass selbst das einfache Bildnis den verborgenen gedanklichen Inhalt nicht ver­missen lässt, — denn das Schosshündchen und der stolz gezeigte grosse Schlüssel will aus der vornehmen Dame zugleich ein Sinn­bild der Treue gestalten, — weist auf einen überfeinerten, um jeden Preis wählerischen Geschmack hin. Auch Rosselli verwendet diese inhaltliche Würze, wie die meisten ita­lienischen Barockkünstler, nach den Regeln der „Iconologia" des Cesare Ripa (s. Ausgabe 1630, Padua, p. 244). Das Bild zeigt infolge­dessen nicht nur bezüglich der Einstellung der Figur, sondern auch thematisch eine nicht geringe Ähnlichkeit mit einem Frauen­12

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