Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)
MAYA MÜLLER: Schönheitsideale in der Ägyptischen Kunst
beschriebenen Typus der "schönen jungen Frau". Von Haremhab gibt es einen fast kindlichen, bezaubernden Kopf aus seinem Privatgrab, und auch Statuen aus seiner Zeit als König, wie London BM 75 und Turin 768, bewahren sich den Schmelz der Jugend dank den sanft gerundeten Formen und den vollen Lippen. 127 Der königliche Gesichtstypus der 18. Dynastie wirkt somit nicht nur sehr jung, sondern auch ausgesprochen feminin. Er gleicht, wie schon bemerkt, in verblüffender Weise dem von der modernen experimentellen Ästhetikforschung ermittelten Typ der attraktiven, "schönen jungen Frau". Stellt man die eigentlich kindlichen Königsköpfe und den grossäugigen HathorSistrumkopf mit dem Schmollmündchen daneben, so spürt man, angesichts der nur leichten Proportionsverschiebungen, die vom einen zum anderen Typus führen, dass bei der Ausbildung des weiblichen Idealtyps das Kindchenschema eine prägende Rolle gespielt haben dürfte. 128 Man kann sich die Typen veranschaulichen, indem man Gesichter von modernen Filmstars zum Vergleich heranzieht: 129 Es sind in der Tat nur Frauengesichter, die zum Typus Hatschepsuts und der Thutmosiden passen, allen voran Audrey Hepburn, aber auch Ava Gardner, Vivien Leigh oder Elizabeth Taylor, und auch diese nur in ganz jungen Jahren, solange der kindliche Einschlag noch gut sichtbar ist. Zu den eigentlich kindlichen Typen Amenophis' III. und Tutanchamuns ist am ehesten Brigitte Bardot zu vergleichen. Im Neuen Reich spielt die Darstellung eines erotischen Schönheitsideals eine sehr viel grössere Rolle als sonst je in der ägyptischen Kunstgeschichte. Man findet es nicht mehr nur sporadisch, sondern auf breiter Basis realisiert. Der königliche Körpertypus seit Hatschepsut ist extrem jugendlich, fast wie kurz nach der Geschlechtsreife, wobei die Geschlechtszugehörigkeit nicht klar entschieden wird. Der erotische Reiz kommt von der Feingliedrigkeit, schlanken Biegsamkeit und tänzerischen Eleganz des Körpers. Die eine Variante ist der "kraftvoll anmutige Teenager". Aus königlichen Texten wie den Sphinxstelen Amenophis' II. und Thutmosis' IV. wissen wir, dass man sich '"T.G.H. James - W.V. Davies, Egyptian Sculpture, London 1983, Abb. 51; Vandersleyen, a.a.O. (Anm. 45.), Tf. 198. '»Richter, a.a.O. (Anm. 3), S. 125-127; Eibl-Eibesfeldt, a.a.O. (Anm. 6), S. 95f. '"Die 100 Filmstars des Jahrhunderts, Reinbek (Rowohlt Taschenbuch), 1996, S. 85 (Hepburn), S. 71 (Leigh), S. 191 (Taylor), 13 (Bardot).