Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)

MAYA MÜLLER: Schönheitsideale in der Ägyptischen Kunst

dem hat der König aber auffallend schöne, lange Beine, die durch das Schre­itmotiv hervorgehoben werden. Die Kniescheibe, das Schienbein und die Muskulatur, die zwischen Oberschenkel und Knie vermittelt und die geschweifte Form des Unterschenkels bestimmt, ist naturnah gestaltet. Der lange Knebelbart und das zwischen den Beinen herabhängende Mittelstück des Schendjut-Schurzes könnten eine Anspielung auf seine Männlichkeit sein, jedoch auf der symbolischen Ebene. Insgesamt haben wir eine relativ realistis­che Darstellung eines athletischen jungen Mannes vor uns. Eine Granitstatue König Tetis in Kairo (JE 39103)' 4 lässt die Muskulatur an Brust- und Schulter­partie, Armen und Beinen noch um einige Grade realistischer hervortreten, und erstaunlicherweise ist hier sogar die Brustkorb-Taillenpartie besser artikuliert, indem das mittlere, den Nabel umlagernde Muskelpaket leicht gewölbt und nach oben gegen den deltaförmigen Rand des Brustkorbs abgesetzt ist. Was die Göttin Hathor der Triade JE 46499 angeht, so stellt sich bei der weiblichen Figur zunächst das Problem, dass wir eigentlich den nackten Kör­per brauchten, um über sexuelle Merkmale reden zu können. Die ägyptischen Künstler pflegten aber das Frauenkleid wie eine zweite Haut darzustellen, die fast ununterscheidbar über die erste gelegt ist und mit dieser identisch sein kann, aber nicht durchgehend muss. 15 . Diese zweite Haut ermöglichte es dem Künstler, die realen Detailformen des Körpers wiederzugeben oder sie mehr oder weniger einzuebnen und zu überspielen, ganz nach seiner Wahl. Es han­delt sich um einen ganz eigenartigen Kompromiss zwischen nackter und bek­leideter Körperdarstellung, der es uns jedenfalls erlaubt, auch bei bekleideten Figuren über den (nackten) Körper zu reden. Was zunächst auffällt, ist das gross und deutlich ausgearbeitete Schamdreieck, oberhalb welchem sich ein kleines Fettpolster befindet. Dies beweist, dass die Weiblichkeit der Göttin hervorgehoben werden sollte. Das Becken ist allerdings nur andeutungsweise gerundet. Die Brüste haben eine stereometrisierte, kugelige Form. Sie sind zwar deutlich zu sehen, aber infolge der harten Form abstrahierend unbetont. Es verhält sich in der ägyptischen Bildkunst (und Literatur) fast durchgehend so, dass die Brust nicht als erotischer Reiz, sondern nur in ihrer Funktion als Nahrungsquelle für das Kind beachtet wird. Im Gegensatz dazu gilt die lange, " Sourouzian, a.a.O. (Anm. 13), Tf. 72c-d. 15 Zum Verhältnis Gewand-Körper vgl. C. Vandersleyen, De l'influence grecque sur l'art égyiptien. Plis de vêtements et plis de peau, CdE 60 (1985), 361-363.

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