Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)

MAYA MÜLLER: Schönheitsideale in der Ägyptischen Kunst

Was ist ein Schönheitsideal? Dass die ägyptischen Künstler den Menschen grundsätzlich schön darstellen woll­ten, ist keine Frage. Es steht vielmehr in Frage, ob sie die Menschen gemäss einem Schönheitsideal darstellten, vielleicht auch gemäss einer Reihe von Schönheit­sidealen im Lauf der Zeit. 2 Daher muss zuerst abgeklärt werden, was ein Schön­heitsideal ist und wie es definiert werden kann. Es unterscheidet sich jedenfalls grundsätzlich vom Begriff des Schönen in der Kunst. Das Schöne in der Kunst muss nicht gefallen, das Schönheitsideal aber unbedingt. Doch wenden wir uns zunächst der Frage zu, was ein Schönheitideal im heutigen Leben bedeutet. Im Zentrum steht die Tatsache, dass Schönheitsideale von den Lebenden und für die Lebenden geprägt sind. Junge Leute wollen oder müssen gewöhnlich einem Schönheitsideal entsprechen, über dessen Merkmale es einen erstaunlich hohen gesellschaftlichen Konsens gibt. Klarster Ausdruck dafür sind die Wahlen von Schönheitsköniginnen und in neuerer Zeit auch -königen (Miss India, Mister Schweiz etc.). Seit gut 100 Jahren sind wir ausserdem gewohnt, dass die Schön­heitsideale in Werbung und Illustration, ob sie nun Fotografie, Zeichnung oder Film verwendet, täglich tausendfach propagiert werden. Bei solchen Bildern steht der Zweck, ein Schönheitsideal wiederzugeben, im Vordergrund. Blicken wir nun aber auf das alte Ägypten, so stellt sich das Problem, dass wir nicht wissen können, was damals im wirklichen Leben galt; Menschen­darstellungen sind uns nur in Werken der Kunst überliefert. Kunst hingegen verfolgt vorwiegend andere Ziele als die Darstellung von Schönheitsidealen, und vor allem beruht das Schöne in der Kunst, oder hier besser: die Schönheit eines künstlerischen Menschenbildes, auf ganz anderen Eigenschaften, (die zu beschreiben hier nicht der Ort ist), als die Schönheit eines Schönheitsideals. Der einzige Weg, eine klare Abgrenzung zu erzielen, besteht darin, eine biol­ogisch begründete Definition von Schönheit zu wählen, die sich auss­chliesslich auf Eigenschaften des Körpers bezieht, im gegebenen Fall auf die sexuellen Schlüsselreize. In der ägyptischen Kunst kann die realistische Darstellung sexueller Schlüsselreize auch kombiniert werden mit oder stellen­weise ersetzt werden durch symbolische Attribute und Gesten. Ich möchte gle­2 Das Thema Schönheitsideale wurde bisher selten bearbeitet und die Autoren gehen von einem anderen Begriff aus als vorliegender Artikel. LÀ V, Sp. 674-676 (s.v. Schönheitsideal, H. Sourouzian); S. Schoske, Schönheit, Abglanz der Gött­lichkeit. Kosmetik im Alten Ägypten, Staatliche Sammlung Ägyptischer Kunst, München 1990, S. 5-20; J. Assmann, Pre­servation and Presentation of Self in Ancient Egyptian Portraiture, in: P. Der Manuelian (Hrg.), Studies in Honor of William Kelly Simpson, Vol. I, Boston 1996, S. 55-81.

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