Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - Ilona Sármány-Parsons: Symbiose und distanz

Der Lehrstuhl für Architektur an der Wiener Akademie der bildenden Künste lockte viele begabte Künstler an. Bereits zur Zeit des Vormärz studierte eine Reihe ungarischer Architekten in Wien: Henrik Zitterbarth und János Zitterbarth, des weiteren Antal Weber, und wenn auch nicht an der Akademie, so doch am Polytechnikum Miklós Ybl - um nur die bedeutendsten Persönlichkeiten zu nennen. Ab den fünfziger und sechziger Jahren stieg die Zahl der Studierenden an. So konnten sich die maßgebenden Professoren der Akademie eines ungarischen Studentenkreises rühmen, wie etwa Friedrich von Schmidt, zu dessen wichtigsten ungarischen Anhängern - wie bereits erwähnt - Frigyes Schulek und Imre Steindl sowie auch Ferencz Schulz und Jenő Foerk gehörten. Die sogenannte. Schmidt- Schule hatte sich der Neogotik verschrieben, ihre Vertreter nahmen aktiv an der Restaurierung von Baudenkmälern teil und im Geiste der Zeit auch an der entsprechenden Neugestaltung.4 In der Architektur dieser Zeit existierten in Ungarn mehrere Schulen nebeneinander. Neben den Meistern, die in Wien studiert hatten, war auch die Gruppe der Architekten, die die Akademie in Berlin besucht hatte, überaus bedeutsam,5 doch zeigt sich in ihren Werken und in dem von ihnen vertretenen Stil der Neorenaissance auch eine enge Verwandt­schaft mit dem Oeuvre zahlreicher Architekten, die an der Wiener Akademie Schüler von Theophil Hansen gewesen waren. Die Architektur der in Ungarn wirkenden „Hansen-Schule“ sowie deren spezifische formale Linie sind allerdings noch nicht eingehend aufgearbeitet. Zu dieser Gruppe gehörten, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, Győző Czigler, Kálmán Gerster, Sándor Fellner, Gyula Wagner, Samu Petz, Alfréd Wellits und Géza Mirkovszky. Es darf weiter­hin nicht außer Acht gelassen werden, dass auch Karl von Hasenauer ungarische Studenten hatte. Die gemeinsame Formensprache wurde durch die Tatsache verstärkt, dass österreichische Architekten durchaus erfolgreich an ungarischen Ausschreibungen teilnahmen. Zu nennen wäre hier beispielsweise das auf Theaterbau spezialisierte Architektenduo Ferdinand Fellner und Hermann Hellmer, von dem das 1963 abgerissene Budapester Nationaltheater (früher Népszínház, 1874/75), später das Budapester Lustspielhaus (Vígszínház 1895/96) und die Theater in Pozsony (heute Bratislava/Slowakei) und Szeged erbaut wurden.6 Von den Meistern der ersten Generation, die in Wien studiert hatten, wurden mehrere - so Frigyes Schulek, Imre Steindl und später auch Jenő Foerk - zu führenden Persönlichkeiten in der Budapester Architektenausbildung, zu­dem waren sie die wichtigsten zeitgenössischen Vertreter im Bereich der Restaurierung und des Denkmalschutzes. Diese ungarische Generation von Architekten war noch vollkommen zweisprachig und auch geistig für Impulse aus dem Ausland offen. Obwohl die Frage nach einem Erschaffen eines nationalen Stils als Erbe der Romantik bereits zu 78

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