Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - András Gero: Die welt von vorgestern

Fassaden der großen bürgerlichen Mietshäuser wurden von Gipsatlanten geradezu bevölkert. Der Jugendstil und das Art nouveau spiegelten bereits die Rebellion wider: Man wollte das Ästhetische des Anscheins durch das Ästhe­tische eines anderen Anscheins ablösen. Diese Harmonisierung der Welt des Anscheins erschien auch in der Musik, noch dazu in ausgezeichneten Werken bedeutender Komponisten. Der Kultus des träumerischen Walzers, des Csárdás und der Polka kam - unter anderem — in der Musik von Johann Strauss zur Geltung. Er verlieh der Monar­chie Glanz. Selbstverständlich muss auch die Operette erwähnt werden, die ebenfalls Produktionen von Weltniveau hervorbrachte. Wenn wir die berühmteste - und immer noch erfolgreiche - Operette von Emmerich Kálmán, Die Csárdásfürstin, hören oder sehen, dann haben wir den Eindruck, dass die fantastische Melodienwelt, das über die sozialen Unterschiede hinwegführende Sujet und das Happy End im Leben allein der Wahrnehmung des Schönen und dem Optimismus dienen. Wenn man dazu noch weiß, dass das Stück 1915 in Wien und 1916 in Budapest uraufgeführt wurde, dann kommen wir nicht um eine Kontextualisierung umhin, da die Leichen der in hechtgraue Uniformen gesteckten Soldaten damals bereits in Massen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs lagen.5 Der Konflikt von bekanntem Anschein und gemeinter Wirklichkeit ist nicht ausschließlich, doch spielte er eine wichtige Rolle dabei, was wir heute die Moderne zur Jahrhundertwende nennen. Das Bewusstsein und die Spannung dieser Zweiheit löste eine sich in viele Richtungen orientierende Kreativität aus. Manche waren der Ansicht, allein das Individuum sei tatsächlich real, alles andere nur Talmi. Daher gingen ihre Gedanken in Richtung eines Ausstiegs aus der Gesellschaft, ihre kulturschaffenden Aktivitäten fokussierten sich auf die Welt des Individuums. Die Thematik des Traums, der Sexualität oder des Verbrechens wurde zunehmend bedeutender - von Freud bis Klimt, Schiele oder Gulácsy. Es gab solche, die der Ansicht waren, die Industrialisierung führe zur Depersonalisation, gegen diese Massen­wirkung sei das Handwerk das Wahre - davon handelte die Praxis der Wiener Werkstätte. Es gab die Ansicht, der Welt des Anscheins müsse eine sendungsbewusste, essentialistische Logik entgegengesetzt werden: Ihre kulturelle Produktion durchdrang die Gesellschaftskritik, die Motivation der Suche nach dem weltli­chen Feind, seine Benennung, Enthüllung und kritische Vernichtung. Teil dieser Strömung waren der Engländer Houston Stewart Chamberlain, der rassentheoretische Schriften verfasste, zu einem Deutsch-Österreicher wurde und zwanzig Jahre in Wien lebte, Otto Weininger, der Begründer des Frauenhasses in der Philosophie, oder aber auch Endre Ady, der das herrschaftliche Ungarn, das ungarische Brachland verdammte. Hinter der partiellen oder vollkommenen Abweichung in ihren Ansichten verbarg sich die Absicht, das Wesentliche im gesellschaftlichen Sinne

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