Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - András Gero: Die welt von vorgestern

ante; 1,1% Muslime.)1 Es erfolgte auch eine Vermischung, noch dazu eine Verstädterung im Rahmen der Entwick­lung zur Großstadt. An der Wende des I 9. Jahrhunderts zum 20. Jahrhundert wurden Wien und Budapest zu wah­ren kulturellen Schmelztiegeln; die Bevölkerung, die aus verschiedenen Gebieten Österreich-Ungarns in die beiden Städte strömte, passte sich an und wechselte in gegebenem Fall auch ihre kulturelle Identität. Aus Deutschen wurden Ungarn, aus stark Gläubigen säkularisierte Freidenker oder aus Tschechen Deutsche. All dies ließ aber nicht in Vergessenheit geraten, dass sich die abweichenden nationalen, religiösen beziehungsweise kulturellen Identitäten in vielen Fällen gerade in Abgrenzung zueinander definierten, was zur Folge hatte, dass das Moment der Wahrnehmung des anderen als Fremden, des Hasses und der Abschätzigkeit immer präsent war. Österreich- Ungarn stellte auch für die nationalen, kulturellen Vorurteile einen idealen Nährboden dar. Metternich, der Kanzler und Staatsminister des Habsburgerreiches in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, soll gesagt haben: „Der Balkan fängt am Rennweg an!“ In seinem Weltbild war demnach alles östlich von Wien stigmatisiert, weil es sich kulturell auf einem niedrigeren Niveau befand. Diese sich von Westen nach Osten bewegende Welle der Geringschätzung durch­drang allmählich auch die nationalen Kulturen. Die Tschechen begegneten den Slowaken abschätzig, die Ungarn den Rumänen, die Kroaten den Serben, die assimilierten Juden den galizischen Juden. Die Formulierung der kulturellen Identität als eine Abgrenzung zu der jeweils anderen Kultur ist ebenfalls eine Eigenart der Existenz in der Monarchie. Die Gleichzeitigkeit der Koexistenz von Vermischung und auf Vorurteilen basierender Geringschätzung sowie des sich daraus ergebenden Hasses wurde zum Bestandteil der mentalen und geistigen Kultur Mitteleuropas. Diese Mischung aus Harmonie und Disharmonie hatte ganz merkwürdige Erkenntnisse und Sichtweisen zur Folge. Die Menschen lebten in einem Staat, der einen stabilen institutioneilen Rahmen gewährleistete, mehr oder weniger berechenbare Verhältnisse und eine wertstabile Währung geschaffen hatte, doch gleichzeitig identifizierte sich keiner mit ihm. Wenn man an dem sogenannten Österreicher kratzte, kam unter ihm der Deutsche zum Vorschein. Betrachtete man ihn als Deutschen, dann stellte sich heraus, er ist doch nicht wirklich deutsch, sondern eher Österreicher. Das Reich war groß und bürokratisch, doch wusste jeder, dass Ordnung und „Schlamperei“ gemeinsam in ihm hausten: Hinter der Ordnung verbarg sich die Unordnung, doch der Unordnung setzte die Ordnung immer Schranken. Es ist kein Zufall, dass die Bürokratietheorie von Max Weber in Deutschland und nicht in Österreich-Ungarn entstanden ist. 69

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