Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - András Gero: Die welt von vorgestern

Die sichtbarsten Brennpunkte stellten die Großstädte dar. Die Hauptstädte der dualistischen Monarchie, Wien und Budapest, wurden zu repräsentativen Punkten eines sich modernisierenden mitteleuropäischen Reiches, ihre Ent­wicklung zeigte im Vergleich zu jeder vorangegangenen Epoche ein deutliches Mehr an Energie. In Wien belegt dies nichts deutlicher als die vollkommene Profilveränderung, die auf den Abriss der Stadtmauer folgte, und was Budapest angeht, so rückte es zum Anfang des 20. Jahrhunderts auf den achten Platz in der Rangliste der europäischen Städte auf (während es in den I 870er Jahren noch den siebzehnten Platz belegte). Diese Großstädte verkörperten jene Modernität, die sich aus der Kraft und Dynamik der Habsburger Monarchie zu entwickeln vermochte, gleichzeitig be­wahrten sie aber an vielen Punkten auch den Traditionalismus, der im Hinblick auf die Daseinsform und politische Struk­tur für das mitteleuropäische Reich kennzeichnend war. Den Rahmen und Inhalt verlieh den zivilisatorischen Verän­derungen, was zusammenfassend als die Herausbildung und gesellschaftliche Verankerung der bürgerlichen Lebensform, ihre Entwicklung zu einer Norm bezeichnet werden kann. Da sich diese bürgerliche Lebensform beinahe auf jeden Bereich des Lebens erstreckte, war ihre Präsenz im Alltag für alle offensichtlich. Der Facharbeiter arbeitete im Betrieb ebenso mit Melone auf dem Kopf - nicht selten auch mit Uhrenkette ausgerüstet - wie der Bankbeamte. Das Kalbs­schnitzel nannten auch die ärmeren Schichten Sonntagsfleisch, da es nur an Sonntagen auf den Tisch kam, dann aber obligatorisch. Jeder wusste, dass die arbeitsfreie Zeit einen Teil der bürgerlichen Lebensform darstellte, auch wenn nicht jeder in den Genuss dieser Form der Freizeit kam. Jedenfalls betrachtete man es als Norm und bemühte sich darum. Zunehmend mehr Menschen waren der Ansicht, dass es sich für den Menschen mit einem bürgerlichen Selbstbewusstsein gehörte, spazieren zu gehen, Kuchen zu essen und das Kaffeehaus zu besuchen. Der zivilisatorische Durchbruch, die Verinnerlichung der bürgerlichen Lebensform erfolgte unter den Umständen einer relativ langen Periode des Friedens. Kurz gesagt: Das Umfeld für die großen Veränderungen bot die Konsolidation, das Streben nach der Konsolidierung. Was im Fall von Großbritannien vielleicht selbstverständlich erscheinen mag, das grenzte in Mittel­europa an die Kategorie des Wunders. Diese gemeinsame Präsenz von Veränderung und Frieden lässt in vielen eine Nostalgie erwachen. In diesem Zusammenhang ist die Zeit von Franz Joseph eine Art mitteleuropäischer Viktorianismus. In anderer Hinsicht unterschied sich die Situation jedoch grundlegend. Trotz der zivilisatorischen Veränderungen, der Verbürgerlichung und Konsolidation beziehungsweise all das inbegriffen hasste im Habsburgerreich zu dieser Zeit bereits jeder jeden. Egal was geschah, immer gab es jemanden, bei dem es Missfallen auslöste. Die verschiedenen 67

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