Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)
Die stadt als artefactum - Csilla E. Csorba: Vom palais Károlyi bis zum Palais Lobkowitz
Mittelpunkt unserer Untersuchungen. Die Beziehungen des österreichischen und ungarischen literarischen Lebens gehen auf Jahrhunderte zurück, doch konzentrieren wir uns bei der Ausstellung auf die Periode zwischen 1873 und 1936. Von ungarischer Seite war das Interesse am deutschen Sprachraum, am deutschen kulturellen Umfeld im 19. Jahrhundert geradezu selbstverständlich. Wien war gleichsam eine Verlängerung der Heimat, ein Übergang an der Grenze vom Inland zum Ausland; auch Berlin war sprachlich vertraut, brachte aber zugleich vielschichtige Erfahrungen der Fremde; in Paris hingegen wurzelte das Gefühl des Bekannten vor allem in den Erfahrungen kultureller Art, die dann durch persönliche Erlebnisse bereichert wurden. Aladár Komlós definierte den Begriff „Ausland“ aus dem Blickwinkel eines Budapesters:....es ist sicher, dass das „Ausland“ kein absoluter Begriff ist, wie wir dies im Allgemeinen denken. Es besitzt eine Menge unterschiedlicher Abstufungen. Die erste weicht vom Begriff „Zuhause“ nur einige Nuancen ab: Wien. Die zweite ist: Berlin. Paris ist sicherlich noch sehr viel ausländischer als Berlin. Das ist eher schon ein anderer Weltteil." In den Ausstellungen wird die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg mit einer starken Zäsur verdeutlicht: Die Strategie im Ausbau der Beziehungen unterschied sich bei den Künstlern, die vor dem Ersten Weltkrieg aus freien Stücken reisten, deutlich von jener nach dem Krieg, als viele Schriftsteller und Künstler meist unfreiwillig ins Ausland gingen und emigrieren mussten. Viele verbrachten in der fremden Stadt nur eine kurze Zeit, und doch hatten sie das Gefühl, von neuen Impulsen inspiriert zu werden, die ihre Entwicklung auf neue Wege führte. „Für die Ungarn beginnt bei Passau, an der deutschen Grenze, das Ausland. Wien - das gehört noch zu der mit Ungarn verbundenen Welt. Die Wiener Emigranten sind in gewisser Hinsicht noch zu Hause. In ungarischer Gemeinschaft. Denn sie sind in so großer Zahl hierher gekommen, dass sie ein Stück Ungarn mitgebracht haben. Sie haben fast nur Kontakt zueinander.” - schrieb Aladár Komlós in seinen Erinnerungen. Obwohl in der Literaturwissenschaft die vergleichenden Forschungen von György Mihály Vajda bereits Ende der 1960er Jahre einsetzten und sich auch die Aufsätze von István Fried, Mihály Szegedy-Maszák, Ernő Kulcsár Szabó, Károly Csűri, Gábor Gángó und vielen anderen - im Zusammenhang mit der Prosa von Mór Jókai, dem Werk von Gyula Krúdy und Sándor Máraí bis hin zu Péter Esterházy - mit der Monarchie-Literatur und dem literarischen Topos der Monarchie beschäftigten, wurde die gemeinsame literarische Vergangenheit des Landes, das einst ein großes Reich war und sich später spaltete, dem so häufig nach Wien reisenden breiten Publikum in den vergangenen Jahrzehnten nur selten auf anschauliche Weise präsentiert. Die Akzente der großangelegten Ausstellung Zeit des Durchbruchs. 62