Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Wien-brevier - Korrespondenzen

die hatte er eingerichtet, die dortigen Möbel so lange hin- und hergeschoben, bis sie irgendwie Gestalt annahmen, und dann ging er seiner Wege. Daraufhin mietete ich sie, überaus preisgünstig, und wohnte dort. Ich hatte einen Ausblick auf eine Waldlichtung, Wildschweine rannten dort umher und Hirsche, Rehe und besonders die mir von Eugen von Savoyen vermachten Mufflons. (...) Im Schlafzimmer gab es Fresken mit Szenen aus dem Sommer­nachtstraum, gemalt von Makart, dem Wiener klassischen Maler. (...) Wenn man einen Schrank öffnete, fielen Unmengen von Heine-Bänden in Schwedisch, Ungarisch, allen möglichen Sprachen, auch in Deutsch heraus. (Lajos Hatvány im Gespräch mit József Füsi) * ... Nebenbei: ich habe gehört, dass Sie Gedichte von Ady Endre übertragen haben, für den ich mich ungemein inte­ressiere. Wäre es nicht ein verdienstliches Werk, endlich einmal diesen grossen Dichter in einem eigenen Band herauszustellen? Ich wüsste niemanden, der dies besser tun könnte als Sie und hoffe Sie da schon emsig am Werk. (Stefan Zweig an Henrik Horvát, den 6. Mai 1914.) * Nur in Wien habe ich Gesellschaft. In Budapest gibt es nur Freunde oder Feinde... Wir3 sind mit dem Tagebuchroman fertig. Wir haben in einem straffen Tempo gearbeitet. Einmal in unserem Palast­zimmer in Schönbrunn, als Karin und ich es so hielten, dass wir nicht diskutierten, einfach nur 14 und 16 Stunden arbeiteten, da bekam sie gegen Mitternacht einen Weinkrampf vor Müdigkeit. Das sei ihr Leben, sagte sie. Sogar ihre romantischen Liebesabenteuer sähen so aus: schreiben, schreiben, schreiben, und alles auf Termin... (Béla Balázs: Tagebuch 1914-1922) [Das ungarische Problem] resultiert daraus, dass die Ungarn bis zum heutigen Tage nicht restlos zu einer europäi­schen Nation geworden sind. Für sie versteht sich die europäische Kultur nicht von selbst, ist nicht etwas, an das sie sich unbewusst anschließen, sondern sie ist - wie etwa für die Russen - eine seit Jahrhunderten bewusst gemachte Aufgabe, eine Schicksalsfrage, ein Ideal, und der Kampf für und wider findet bis heute statt. (Béla Balázs: Jókai) 223

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