Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - Ilona Sármány-Parsons: ein begeisterter wiener mit ungarischer identität

wahrscheinlich seine literarischen Ambitionen am wichtigsten, erst nach der Jahrhundertwende erkannte er, dass er jetzt bereits eine fachliche Anerkennung als Kritiker erlangt hatte, also gab er seine Kunstkritiken gesammelt heraus - als verlässliche Chronik und Zeitdokument. Nach I 875 gab es im Leben Hevesis keine spektakulären Wendungen, die Arbeit als Journalist und Kritiker erfüllte seine Tage. Er hatte nicht geheiratet, das ermöglichte ihm, ohne Verpflichtungen zu leben, er reiste viel. (Er verfügte über sechs Wochen bezahlten Urlaub.) Zwischen seinen Reisen füllte disziplinierte Arbeit sein Leben, er las, forschte und schrieb. Nach den Nekrologen und Erinnerungen war er eine verehrte, beliebte, ja sogar geliebte Gestalt der Wiener Künstlergesellschaft. Mehr kann ein Kritiker nicht erreichen. So ausdauernd und systematisch wie er hatte ab I 876 sonst niemand in Wien über die bildenden Künste geschrie­ben, und praktisch niemand konnte sich über fünfundvierzig Jahre hinweg an alle künstlerischen Ereignisse derart gut erinnern wie er. Das sicherte ihm den vordersten Platz unter den Kritikern. Hevesi war der sorgfältige Chronist der jährlichen großen Ausstellungen im Künstlerhaus. Die in den neunziger Jahren auftretende neue Generation der nunmehr modernen Kritiker und Schriftsteller (Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Berta Zucker- kandl) sah in diesem „großen alten Mann“ ihren vorbildlichen Meister, der damals seine fünfziger Jahre erlebte und sich hinter die Ideen der Jungen stellte. Fünfzehn Jahre später war er dann fähig, die neue Stilwelle positiv aufzuneh­men, sogar die extremen Versuche des Expressionismus, ohne dabei nur einen der früheren Meister in Frage zu stellen. Die intellektuelle Biografie Hevesis spiegelt die Geschichte des Wiener Kunstlebens wider: Stile und Kunstarten entfalteten sich und blühten auf, es kam zu mutigen Experimenten, Werke wurden zu Skandalen, um schließlich klassisch zu werden und Anerkennung zu finden. Seine Offenheit, sein Humor und seine verständnisvolle Mensch­lichkeit machten ihn zum Nestor der modernen Kunstkritik. Er schrieb den ersten Überblick zur österreichischen Kunst des I 9. Jahrhunderts, so prägte er den künstlerischen Kanon Österreichs.14 Mit seinem Tod verschwand eine der seltenen Persönlichkeiten der Kunst in der österreichisch-ungarischen Mon­archie, ein Mann, der zugleich Jude, Ungar, österreichisch-wienerisch und europäisch sein konnte. Bei den vielen Iden­137

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