Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - Ilona Sármány-Parsons: ein begeisterter wiener mit ungarischer identität

den Wiener Wanderer geschrieben, parallel auch immer für die Zeitung Pesti Napló [Pester Tageblatt].3 Er galt in der Zeit des Absolutismus als einer der populärsten Publizisten. Agai gehörte zum engeren Freundeskreis von Falk, wo sein Weltbild, seine Weltanschauung und die politischen Allianzen sowie das publizistische Ethos herrührten, die auch für Hevesi ausschlagebend blieben. Die Mitglieder dieser Gesellschaft von Journalisten4 waren überwiegend jüdischer Herkunft, aber mit einer festen ungarischen Identität und einer vollständigen Zweisprachigkeit von Kindheit an. Sie waren sprachlich von Goethe und Schiller, aber auch von János Arany inspiriert. Neben der Politik sprachen sie der Kultur und dem kulturellen Gedankenaus­tausch eine entscheidende Rolle zu, unendliche Energien investierten sie in die Übersetzung deutscher Literatur ins Ungarische und vielleicht noch mehr in die Übertragung ungarischer Klassiker ins Deutsche, damit das österreichische (und deutsche) Publikum Werke der ungarischen Kultur kennen lernen konnte.5 Dieser Kreis unterstützte mit Herz und Seele Ferenc Deák und Gyula Graf Andrássy, bereitete aktiv den Ausgleich mit Österreich vor und blieb seinen liberalen politischen Ideen lebenslänglich treu. Die Jahre I 866 und I 867 waren für alle von ihnen ein großer Wendepunkt. Da zog Miksa Falk zurück nach Pest, um dort von I 868 bis zu seinem Tod über neununddreißig Jahre lang Chefredakteur des Pester Lloyd zu sein, dieser 1853 gegründeten, wichtigsten deutschsprachigen Tageszeitung von Pest, die in ihrer gesamten Geschichte regierungsnah blieb. Diese Zeitung war das Informationsforum der Monarchie mit dem höchsten Ansehen und der sichersten Zuverlässigkeit, in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte sie doppelt so viele Abonnenten wie die damals größte ungarische Zeitung.6 Die Budapester Elite in Wirtschaft und Handel, dazu auch die gebildete politische Elite und ungarische Aristokratie infor­mierten sich über die wichtigen wirtschaftlichen und politischen Ereignisse in diesem Blatt. Über die Werbeeinnah­men flössen der Zeitung bedeutende Gelder zu, damit ließen sich die anderen Bereiche leicht finanzieren, Mit ihren kulturellen Publikationen auf hohem Niveau war das Blatt nicht nur über lange Zeit hinweg eine der wichtigsten kulturellen Bildungsquellen des deutschen bzw. zweisprachigen Budapester Bürgertums, auch die führende politi­sche Elite, die ungarische Aristokratie, abonnierte das Blatt. Bis zum Ersten Weltkrieg veröffentlichten die wichtigs­ten Vertreter der ungarischen Intelligenz, Wissenschaftler und bedeutende Literaten in diesem Blatt, so etwa Jenő Péterffy, Ignotus, Leó Popper und auch Georg Lukács. Wegen seines kulturellen Ranges war es für einen ungarischen Intellektuellen selbstverständlich, dieses Blatt zu lesen. Auch Ludwig Hevesi, der eigentlich nur für die Sommerferien von Wien nach Pest zurückgekommen war, gelangte im Jahr I 866 zum Pester Lloyd, er wurde hier zum Feuilletonautor und beendete sein Wiener Medizinstudium nicht. 133

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