Kapronczay Károly szerk.: Orvostörténeti Közlemények 194-195. (Budapest, 2006)
TANULMÁNYOK — ARTICLES - NEMES, Csaba: Beiträge zur Wechselbeziehung der deutschen und ungarischen Heilkunde im historischen Kontext
dem Französisch-Preußischen Krieg ihre ehemals führende Rolle an Berlin (weniger an Strassburg, Tübingen, München und Erlangen) abtreten mußte. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen noch die transatlantischen Kontakte, vor allem nach den USA (Boston, Chicago) der Rockefeller-Stipendiaten dazu. So ging József Fodor (1843-1901), Vater des ungarischen Sanitätswesens auf seiner europäischen Studienreise nicht mehr nach Wien, wo er sein Studium absolvierte, sondern nach München, Würzburg, nach Holland, Belgium und England. Als er in München die Vorlesungen des Max von Pettenkofer anhörte, blieb auch Fodor eine Zeitlang Anhänger der Pettenkoferschen Bodentheorie über die Verbreitung des Bauchtyphus. Später schloß er sich an die Koch'sche Bakterienlehre an. Fodors wichtigster Beitrag zur Medizin war jedoch die Entdeckung der Bakterizidie, die bakterientötende Wirkung des Vollblutes, die er 1887 im Deutschen Medizinischen Wochenblatt bekanntgab. Neben Fodor sollten wir die Verdienste von Ludwig Teleky (1872-1957) würdigen, der sich schon als Medizinstudent in Wien intensiv mit Flygienefragen befaßte, später als Sozialhygieniker das Österreichische Zentralkomitee für Tuberkulosebekämpfung gründete und die Berufskrankheiten von Industriearbeitern eingehend untersuchte. Auf Einladung der preußischen Regierung übernahm Teleky 1919 die Leitung der Akademie für Sozialhygiene in Düsseldorf. Aus dieser Düsseldorfer Akademie sind später seine Schüler als zahlreiche Hygicniker in leitender Position hervorgegangen. Vor seiner Emigrierung (erst nach Wien, dann 1939 in die USA) schuf er mit Gottstein und Schlossmann ein sechsbändiges Werk der Sozialhygiene. Für seine international bekannte Silikoseforschung erhielt Teleky den Devoto-Preis. Kurz wollen wir noch auf die Verbreitung von Homöopathie, Mesmerismus und Hydrotherapie in Ungarn eingehen. Als Samuel Hahnemann sein Organon der rationellen Heilkunst 1810 veröffentlichte, existierte der moderne Arzneischatz noch nicht. Statt dessen verabreichte man noch lauter unwirksame, gefährliche, toxische, vielfach auch ekelerregende Substanzen, Ingredienzen der sog. Dreckapotheke. Dies erklärt den Siegeszug der Homöopathie mit Medikamenten in starker Verdünnung und mit behaupteter Potenzierung. Auch in Ungarn wurde die Hahnemannsche Homöopathie rasch verbreitet, allen voran durch seine zahlreiche Anhänger: József Bakody (+1845), Pál Almást Balogh (+1867), Franz Hausmann (+1876), der Schriftsteller László Bártfay und Döme Argenti (1809-1893) in Waitzen (Vác), Leiter des ersten Lehrstuhls für Flomöopathie in Pest und Verfasser eines populärwissenschaftlichen Werkes über die homöopathischen Heilmethoden, das nach 1862 in Pest gleich achtmal erschienen ist und auch ins Deutsche übersetzt wurde. Das erste Krankenhaus für Homöopathie eröffnete die Stadt Gyöngyös schon im Jahre 1838 und in Pest im Bezirk Franzstadt. Gegen den massiven Widerstand des Ärztekollegiums wurde sogar 1871 die Gründung von zwei Lehrstühlen für die Homöopathie an der Pester Medizinischen Fakultät vom ungarischen Parlament beschlossen. Diese kamen zustande, da die Homöopathie vor allem im Kreis der ungarischen Aristokraten ihre Anhänger gefunden hatte. Auch der „tierische Magnetismus" (F. A. Mesmer 1775) resp. dessen moderne Deutung als Hypnotismus (James ßaird: Neurohypnology, 1842-43) fanden einige Anhänger in Deutschland und in Ungarn. Mit der sprichwörtlichen Begeisterung der Literaten für alles Mystische, Okkulte und Esoterische finden wir in beiden Ländern ihre Befürworter unter den Schrifstellern. In Deutschland Heinrich von Kleist, E. T. A. Hoffmann, Jean Paul,