Palla Ákos szerk.: Az Országos Orvostörténeti Könyvtár közleményei 13. (Budapest, 1959)
Dr. RAFFY ÁDÁM: Vesalius és kora
VESALIUS UND SEIN ZEITALTER von Dr. ÁDÁM R A F F Y (Budapest) W enn man die biologische und die von dieser bedingte intellektuelle Entwicklung des Menschen, des Trägers der Geistesgeschichte tiefer durchdenkt, kommt man darauf, dass kein einziges Zeitalter, und kein einziges Individuum daraus herausgehoben werden darf. Es wäre ein Fehler dies a posteriori zu betrachten und in einem luftleeren Raum zu untersuchen. Vesalius wird im allgemeinen als Schöpfer der anatomischen Wissenschaft charakterisiert. Wir wollen uns von diesem Irrglauben losreissen, um seine Persönlichkeit richtig beurteilen zu können, sie ihres wahren Wertes nicht zu berauben, indem wir seinem Leben und Wirken angedichtete Werte aufpfropfen. Die Entstehung und den Werdegang der anatomischen Wissenschaft in Rahmen einer kurzen Studie von Grund aus zu schildern wäre natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. Man müsste wohl Geschehnisse aus dem dichten Nebel grauer Urzeiten herausholen, und dies ohne sachliche Belege, lediglich auf die nackte Logik der Dinge stützen, zu neuem Leben erwecken. Kann man denn bezweifeln, dass der Urmensch mit Faust oder Knüppel ums Dasein, um die Nahrung kämpfend nicht auch schon über anatomische Kenntnisse verfügt hatte? Das brachte die Zerstückelung der erlegten Beute mit sich, der Anblick von Tieren oder von einander zugefügten Wunden, und nicht zuletzt der Kannibalismus. Wir besitzen Belege darüber, mit welch feinschmeckerischer Sorgfalt das Hirn — nach vorsichtiger Entfernung des unteren Schädelteils — herausgeschält wurde. Auch bei Tier- und Menschenopfern antiker Zeiten bot sich Gelegenheit aus rituálén Handlungen anatomische Kenntnisse zu schöp-