H. Kolba Judit szerk.: Führer durch die historische Ausstellung des Ungarischen Nationalmuseums 2 - Von der Staatsgründung bis zur Vertreibung der Türken - Die Geschichte Ungarns im 11.-17. Jahrhundert (Budapest, 1997)
SAAL 6 - Das in drei Teile zerrissene Ungarn Die Zeit der Türkenbesetzung (2. Hälfte 16.-17. Jahrhundert) (Ibolya Gerelyes)
55. Ofenkachel, Nadah (Nadah), 1. Hälfte 16. Jh. nis der Siedlungsforscher der Tiefebene hatten die Dörfer eine langgestreckte zweireihige L-Form, die Häuser standen in 45-70 m Entfernung voneinander, die Kirche befand sich an einem aus der Siedlung herausragenden Punkt. Auch diese lockere Siedlungsform hing mit der oben schon betonten Bedeutung der Viehzucht zusammen. Darauf verweisen die Karte des ungarischen Rinderexports im 16. Jahrhundert bzw. das das Viehtreiben zeigende Bild der Kupferstechers Julius Nypoort aus dem 17. Jahrhundert. Die Keramikgegenstände demonstrieren die charakteristischen Typen der Töpfereierzeugnisse aus den Dörfern und Marktflecken von der Mitte des 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Zugleich illustriert diese Auswahl, daß die ungarischen Töpfer im Türkengebiet ihre Arbeit im Geiste der früheren Traditionen fortsetzten. Besonders schöne Stücke der dörflichen Ofenherstellung sind die in der Burg von Nadah (Nadah) gefundene, Eicheln abschlagende Männer darstellende Ofenkachel (Abb. 55) bzw. eine andere, „palastförmige", vom Territorium des mittelalterlichen Dorfes Csaba. Die aus dem Burgschloß Ozora stammende Zierschale mit Aufhängeöse ist bereits eines der schönsten Stücke der Dorftöpferei des nächsten Jahrhunderts. Ein seltsames Paradox der Zeit ist, daß trotz oder geradezu wegen der Kriegszeiten die Goldschmiede der Marktflecken ihre Blütezeit hatten. Zeugnisse des „Fortlaufens" der oftmals zur Flucht getriebenen und nicht zurückkehren könnenden Bevölkerung sind die in der Erde entdeckten Schatzfunde, deren Zahl auf ungarischem Gebiet seit Anfang des 16. Jahrhunderts sprunghaft ansteigt. Diese vergrabenen Schätze - wie der von Tolna, der die gehüteten Stücke des Haushaltes eines begüterten Marktfleckenbürgers: Silberbecher und -löffei, typisches Trachtenzubehör: Kette, Gürtelbeschläge und Schließen enthielt - geben einen Einblick in den Alltag und zugleich ein reicheres Bild der Goldschmiedekunst der Zeit. DIE REFORMATION IN DEN MARKTFLECKEN Die Lehren Martin Luthers gelangten schon in den 1520er Jahren nach Ungarn. Die deutsche Bevölkerung in den königlichen Freistädten und den sächsischen Städten machte sie sich fast vollzählig schon früh zu eigen. Von der ungarischen Bevölkerung wurden zuerst einzelne Aristokraten Anhänger der Reformation und dann bis zur Mitte des Jahrhunderts sozusagen die ganze ungarische Gesellschaft. Eine besonders bedeutende Rolle spielten einige Marktflecken. Auch wenn die Mehrheit der Verbreiter der ungarischen Reformation aus Marktflecken stammte, entschied sich das Volk dieser Siedlungen erst am Ende der 1530er und in den 1540er Jahren für den neuen Glauben. Bis zum Jahrhundertende folgten 80% des Landes einer der reformierten Richtungen mehrheitlich der Calvinischen. Die schnelle Verbreitung forderten die in ungarischer Sprache erschienene Bibel (1590), Religionslehrbücher und die binnen kurzer Zeit gedruckten Texte der Glaubensgespräche.