KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

Anhang I

mus ganz originelle Offenbarungen eines deut­schen Genies. Auf diesen zwölf Bildern ver­nichtet und besiegt die abstrakte und absolut gedachte Todesmacht die sinnlichen und törich­ten Handlungen der Menschen. Aber die Ideale, die Reinheit des menschlichen Lebens üben wieder ihrerseits einen zauberhaften Bann auf den Tod, auf die Vergänglichkeit aus. Die Grund­lage der Bilder im zweiten Zyklus „Vom Tode" ist immer irgendein Gleichnis, das allgemein menschlich und universell deutbar ist und die Darstellungdes skelettierten Schreckengespenstes unnötig macht. — Das erste Stück der Bilder­reihe „Integer vitae" 1 lässt uns vor allem nicht einmal den Tod betrachten, sondern das uner­bittliche Schicksal, in der Gestalt eines kahl­köpfigen Riesen, der über Götter und Menschen thront und von seinem hohen Felsensitze erha­ben und mit kalter Unerbittlichkeit auf die Welt herabblickt. Er starrt regungslos vor sich hin, kneift die Lippen verständnislos zusammen. Es ist der Vernichtungswille, — der moderne Tod 1 Die Rechte ruht auf einem Vulkan-Berg, die Linke erfasst ein Stundenglas. Der Fussschemel seiner rohen Füsse sind die zerstörten Städte, die vernichteten Herbergen menschlicher Kul­tur. Unter dem Stundenglas rechts gähnt ein unendlicher Abgrund, an dessen Felsenabhang sich die Götter der Menschheit festklammern und voll Entsetzen des Schicksalwinkes harren, der sie unwiderruflich der Vergessenheit weihen soll. Die Götter der Hellenen sinken schon in die Tiefe und werden scheinbar auch andere Mächte mit sich ins Verderben ziehen. Städte, Länder verschwinden, Religionen kommen und gehen — so will es Klinger in dieser Darstel­lung verkünden, und der im Vordergrund ste­hende Mensch, der „rein und unbefleckt" ge­lebt hat, prallt auch mit Schaudern vor dieser gähnenden Kluft zurück, aber sie wird ihn auch zu sich herabziehen. Es ist das „Menschheits­grab", in welches auch in der Tragödie des Menschen die Standesvertreter sinken müssen. Nun folgt eine Reihe von Darstellungen der „Menschenschicksale". — In der zweiten Szene schildert uns Klinger einen Fürsten, der trotz der Abmahnung seiner Gattin durch einen Krieg die friedlichen Wohnungen der Menschen zu verheeren entschlossen ist. Ein Bischof, es ist der Tod, reicht ihm Schwert und Fackel. — Das dritte Bild zeigt uns das tragische Schick­sal des Künstlers. Ein „Genie" wird zwar von der lieblichen Muse begleitet, aber in seinen Gesichtszügen prägt sich statt Entzückung ein schreckliches Gefühl des Entsetzens aus, denn wenn sich der Künstler nach rückwärts wen­det, so gewahrt er ein verkommenes, hungrig­abgemagertes, altes Weib, das ihm heimlich auf die Fersen folgt, um seine Phantasie in Fes­seln zu schlagen. Wie alle Grossen der Welt, so wird auch der Künstler von seinen Trieben nach dem Unerreichbaren in die ferne Unge­1 Sign. 1885. 1900 ; Schmid : Abb. 141 ; vgl. hier Tafel LX1. Fig. 1. wissheit gejagt. Indem er aber unermüdlich die­sem überirdischen Ziele nachstrebt, verfällt sein Körper der Müdigkeit und er bringt sich eigent­lich ganz freiwillig dem Tode als Opfer dar. So beschreibt Schmid das Bild in seiner Klinger­Biographie. Und ich sehe auch in diesem Zuge, dass nicht nur einzelne Bilder, sondern sämtli­che Szenen der Reihe zur allgemein menschlich deutbaren Totentanzdichtungsart am nächsten stehen. — Die vierte Szene ist eine Schilderung des Schicksals der Wissenschaft. Die Schrift des Schicksals, „Sciens nescieris", geht auch am Philosophen in Erfüllung. Umsonst trachtet der Forscher, den Schleier der Natur zu lüften, er sieht nicht das verschleierte Gesicht der Na­tur selbst, sondern nur sein eigenes Spiegelbild : „Du gleichst dem Geist, den du begreifst". — Nach einem Bilde des „Krieges", in welchem der Meister die Erinnerungen an die napoleoni­schen Zeiten wachruft, schildert das sechste Bild das „Elend". 2 Es ist eines der furchtbar­sten, fürchterlich mächtigsten Blätter der Reihe. Die Not der grossen Menge, des Proletariats, das im Joch der Lohn- und Akkordarbeit ver­kümmert, ein schrecklich tierisches Leben führt, wird uns hier vor Augen gehalten. Es ist Mittagspause. Die Sklaven, die in einen Wagen eigespannt eine ungeheure Last tragen müssen, wollen während der Pause das Ge­schirr, das Joch nicht von den matten Schultern streifen. Sie fühlen sich in dieser Lage schon ganz pervers wohl und kauern nebeneinander fast regungslos, ohne Empfindung, wie blödsin­nige Tiere. In der ersten Reihe sitzt ein Alter, der aus einem Blechtopf sein kärgliches Essen herauslöffelte, dann liess er den Topf fallen und verbirgt nun ermattet sein Haupt in der Hand. Daneben gibt ein Weib die Brust einem Säug­ling, aber ohne mütterlichen Stolz, ohne Liebe. Rechts in der ersten Reihe sitzt ein junger, starker Bursche, der mit tierisch-blödsinnigem Ausdruck und nicht ohne rohe, sinnliche Gier das Weib betrachtet. In der zweiten Fassung dieses Bildes (um 1892 radiert) sieht man wei­ter in der zweiten Reihe der Sklaven den Kopf eines Greises, der von einem Mädchen, wel­ches das Essen ausgeteilt hat, mit flehentlichen Blicken noch den Rest aus der Schüssel bittet. In der dritten Reihe streiten zwei Sklaven. Im Hintergrunde links verrichtet ein Mann seine Notdurft. Der Kutscher, ein Mann mit Peitsche, sitzt auf dem Kutschersitze des Wagens. Die Ruhepause benutzt ein schäbiger Jude, um mit dem Kutscher zu schachern. Aus dem Schweiss der Elenden gewinnt er seinen eigenen, kleinen Vorteil. Ganz gewaltig und schrecklich ist der im Vordergrund stehende Fronvogt. Mit einem grausamen Grinsen betrachtet er wollüstig die Sklavenschar, seine ihm ausgelieferten Opfer. Er knüpft in die Stricke seiner Geissei einen neuen Knoten, um in dem nächsten Augenblick auf die Armen wieder loszuhauen. Dann wer­2 vgl. Tafel LX1. Fig. 2.

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