KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

XII. Die realistische Dichlungsart des „allgemeinmenschlichen Totentanzbegriffes"

Weib hat sich durch seine Sünden eine schreck­liche Krankheit geholt. Jetzt liegt die Dirne im Krankenhaus und kann aber ihrer Leiden­schaft auch in diesem kläglichen Zustand nicht entsagen. Den Mörder treibt sein Gewissen auf den Tatort zurück. — Eine trostlose Reihe von traurigen Lebensschicksalen. Ähnliche Bilder des Lebens enthält die Novellensammlung von Joseph Matth. Veiter : TotentanzDie vier Novellen gewähren einen Einblick in die Geheimnisse des Grossstadtle­bens. Der Komponist bemerkt die Treulosigkeit seiner Frau, schreibt einen Totentanz und, als ihn der „Hausfreund" seiner Frau besucht, trinkt er heimlich Gift und spielt am Klavier den To­tentanz vor. Seine Frau singt. Während des Gesanges sinkt der Komponist tot auf das Kla­vier. Der Freund eines Malers erzählt in seiner Gegenwart einer Gesellschaft, wie er die Frau des Malers verführt hat. In der dritten Novelle will eine Frau ihren Mann, den sie betrogen hat, wieder treu lieben, aber es ist schon zu spät, in der vierten Novelle 2 wird das Sterben mit einer ekelhaften und schrecklichen Realität beschrieben. Die verschiedensten „Gattungen" des Ster­bens werden realistisch und haarsträubend ge­nau geschildert, die Gefühle und die schreck­lichen Gedanken des Sterbenden werden, wie mit einem Seziermesser des Arztes in der No­vellensammlung von Ludwig Schneller unter­sucht. Der Titel : Totentanz. 3 In diesem Werke eines protestantischen Pastors, der in 15 No­vellen die schönsten und interessantesten To­desfälle beschreibt, deren Zeuge er in seinen Kinderjahren, dann später in Palästina und in Köln war, ist die Losung des Verfassers : Weg mit der symbolischen Farbenpracht I Zurück ins Leben ! Zurück zur wahren Darstellung des Lebens 1 Der tragische Eindruck der mittelalter­lichen Totentänze kann auch durch lebens­wahre Bilder des Menschenschicksals erzielt werden. Die Szene sind Bilder aus dem Leben des Verfassers, sie sind seine eigenen, wahrlich erlebten Erfahrungen. Was der Verfasser über seine Darstellungsmethode uns zu sagen hat, ist für das Verständnis des modernen Toten­tanzes, der „allgemein menschlichen Totentanz­auffassung", des „Lebenstanzes" , ungemein wichtig: Nachdem Schneller das Bild von Span­genberg mit dem Titel „Zug des Todes" be­schrieben hat, sagt er : „Das alles ist nur eine Nachbildung dessen, was sich jeden Tag vor unsern Augen vollzieht. So haben auch wir von ' unserer frühesten Kindheit an den Tod bald an diesen, bald an jenen herantreten se­hen, um ihn fortzuholen aus dem Lande der Lebendigen. Und jeder von uns wird in seiner Art eine Geschichte des Totentanzes geben 1 Kleine Liebhaber-Eücher. Bd. IV. Vier Stücke in Prosa. Köln. 1919. 2 Sterben : S. 37—50. 3 Vierte Folge der „Weihnachts-Erinnerungen". Leip­zig. 1922. können, wie er ihn selbst in den mannigfaltig­sten Gestalten erlebt hat. Auch an meiner Le­bensstrasse sehe ich sie in langen Reihen, die Toten, die der Tod vor meinen Augen wegge­holt hat. Bald waren es Junge, bald Alte ; bald Hohe, bald Niedrige. Und wenn ich erinnernd zurückschaue, und dabei an die Bilder der al­ten Meister denke, so will es mir auch vor­kommen, als hätte ich ein ganzes Leben lang einem solchen Totentanz beigewohnt." Ein weiteres Sammelwerk dieser Art ist das kleine Büchlein der Schwert-Bücherei : Ein Totentanz, 4 Die hier mitgeteilten Novellen ver­treten, wie diejenigen von M. G. Conrad und A de Nora, die Dichtungsform der „allgemein menschlichen Totentanzauffassung". 6 Am Titel­blatt tanzt das Todesskelett. Mit Menschenher­zen um den Hals erscheint der Tod wie ein kecker Junker. Seine Stiefel schmücken Sporen. Er hält einen Spaten in den Händen. Auf seinem Haupte blinkt ein Helm, auf welchen er eine Pfauenfeder aufgesteckt hat. Auch diese Novellensammlung besteht aus einer Reihe von traurigen Szenen, in de­nen die Todesgestalt kaum erwähnt wird, die Personen aber unerwartet sterben müssen. Hier wird das Leben selbst dargestellt und die al­ten symbolischen Motive werden weggelassen. Diese Novellensammlung führt den Totentanz nur am Titelblatt an, ist aber auch von dem Standpunkt der modernen Totentanzauffassung aus betrachtet wertlos. Demnach kann infolge dieser eigenartigen, modernen Totentanzauffassung, welche dem „allgemein menschlichen Totentanzbegriff" ent­quillt, ein jedes Werk „Totentanz" genannt wer­den, das mit einem tragischen Tod endet, wenn in ihm auch weder der Tod, noch ein Toter auftritt und wenn auch das Motiv des Tanzes wegbleibt. Ja, wenn diese Sachlage auch wei­ter bestünde, so müssten bald sämtliche Werke für „Totentänze" gehalten werden, welche das Leben auf eine ganz reale Art schildern, ganz gleich, ob sie auch der Verfasser selbst als solche betittelte 1 Dieser „allgemein menschliche Totentanz­begriff", den ich schon im ersten Bande mei­ner Totentanzstudien 6 in der allgemeinen Ein­leitung erwähnt habe und der seitdem man­cherseits missverstanden wurde, herrscht in der deutschen Literatur erst seit der Jahrhundert­wende und darf nur auf die Neuerscheinungen der letzten Jahrzehnte bezüglich verwendet werden 1 Mit dem mittelalterlichen Totentanz hat dieser Totentanzbegriff selbstverständlich gar­nichts zu tun und wurde auch von mir nie als ein Forschungs- und Erklärungsprinzip für äl­tere Totentanzwerke verwendet 1 4 Novellen. Schwert — Bücherei: Nr. 3. Wien. 6 1. Der Liebhabe von F. Antal. S. 3—13. 2. Der Lump von F. Antal. S. 14 — 22. 3. Die Todsünde von E. Reiner S. 23—38. 4. Ein Mord von Allan Poe, S. 39-63. 6 GTT. Bd. I. S. 18.

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