KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

chen. Auf Strassburger Vorkommnissen beruhtdie Geschichte von Gretchen und von ihrem Kinder­mord. Eines der Thesen in Goethes Doktorarbeit handelt von der in Strassburg seiner Zeit sehr ak­tuellen Frage der Bestrafung der Kindesmörderin. Das Motiv des Schlafpulvers, das Gretchens Mut­ter tötet, erinnert an Richardsons Clarissa, die Szene : „Faust allein in Gretchens Zimmer" an Rousseaus Helo'ise. Aber es ist unnötig, alle Mo­tivverwandtschaften zu erwähnen, welche die Quellenforschung bisher ans T ageslicht geworfen hat. Kaum ist eine Quelle so naheliegend mit den Hauptmotiven des Fauststückes verwandt, wie das Leben Goethes selbst. Aber auch das wäre fehlerhaft, für jede Gestalt des Fauststük­kes einen wirklich lebenden Freund Goethes, für jedes weibliche Wesen des Dramas eine Geliebte, eine Bekannte des Dichters zu su­chen, die ihm bei der Gestaltung im Leben Modell gesessen hätte. Nur die Grundzüge des Dramas dürfen auf das Leben Goethes bezogen werden. Die Phantasie eines genialen Dichters ist unberechenbar. Mag sein, dass Goethe dem Stürmer und Dränger Heinrich Leopold Wag­ner, mit dem er in Strassburg zusammen stu­dierte, etwas von seinen künftigen Plänen, von der Kindesmörderin im Faust verraten hat und dieser das Sujet für sein wertvolles Drama „Die Kindermörderin" (1776) verwendete, aber eine Verwandtschaft zwischen den beiden Werken lässt sich nicht feststellen und von einem Plagiat kann keine Rede sein. Fausts Liebe zu Gret­chen konnte nur ein Vorbild haben, die Liebe Goethes zu Friederike. Die Gestalt des Faust „hält für immer die Entwicklungsperiode eines Menschen fest", „der von allem, was die Menschheit peinigt, auch gequält, von allem, was sie beunruhigt, auch ergriffen, in dem was sie verabscheut, auch befangen, und durch das, was sie wünscht, auch beseligt worden" — sagt Goethe selbst. Faust ist ein lebendiger, wahrer Mensch, aus Fleisch und Blut, kein Symbol, keine „Personifikation". Sein persönliches Leben ist das Leben der Menschheit. Faust wird durch sein persönliches Leben zu einem Typus der ganzen Menschheit, „des Menschen", Every­mans. Er verbündet sich mit dem Teufel, der ohne einen Vertrag über ihn keine Macht hätte. Kraft des Vertrages ist Mephistopheles bereit, dem Faust auf dieser Erde zu dienen, wird ihn aber nach dem Tod zu seinem Skla­ven machen. Von dem Augenblick an, dass Faust den Vertrag mit dem Teufel unterschrie­ben hat, begleitet dieser ihn auf Schritt und Tritt, aber nicht, um sein Leben zu verbittern, sondern um ihm alle Mächte der Erde dienst­bar, alle Freuden des Lebens geniessbar zu machen. Das ist der Sinn des ersten Teiles : „Ich macht' ihm deutlich, dass das Leben / Zum Leben eigentlich gegeben" — sagt Mephisto­pheles im Maskenzuge von 1818. Aber gerade durch den Drang des Menschen nach etwas Höherem, nach etwas Edlerem bekommt Faust vor den üppigen Freuden, die er alle kosten muss, Ekel. Er fühlt sich nicht befriedigt. Er bekommt Reue, als er das schreckliche Unglück sieht, das er durch seine Leichtfertigkeit mit der Hilfe des Teufels angestiftet hat. Die Worte Gretchens : „ . . . mir grausts vor dir, Heinrich !" sind schon eigentlich die Worte seines Inneren zu seinem eigenen Ich. Der zweite Teil ist eine äussere Imagination jener Vorgänge, die sich in seiner eigenen Seele abspielen. In dem Prolog im Him­mel spottet der böse Geist, Mephistopheles, über den schwachen Menschen, „den kleinen Gott der Welt", dessen Vernunft nur der „Schein des Himmelslichts" ist. Gott gestattet ihm, den Faust, der bisher Gott noch verworren gedient hat, auf die Probe zu stellen. Der Grundgedanke des Werkes ist also die Frage, ob in dieser Wette Gott oder Mephistopheles gewinnt. Me­phistopheles versucht, ob der Geist des Men­schen „von seinem Urquell abgezogen" werden könne. Er verliert die Wette. Das ist die grosse Neuerung Goethes. In den meisten Volksbü­chern wird Faust am Ende von den Teufeln davongetragen, obwohl schon der Theophilus der Nonne Roswitha, der Zauberer Cyprianus, der Zauberer des Spaniers Calderon durch die Hilfe des Himmels über die List des Teufels siegt. Der böse Geist, der stets das Böse will und stets das Gute schafft, kann die Sehnsucht des Menschen von Gott nicht ablenken. Weder durch Leiden noch durch Freuden. Gerade durch das Böse wird der Mensch zu Gott getrieben, gereinigt, geläutert : „Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen : Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen, Und hat an ihm die Liebe gar Von oben teilgenommen, Begegnet ihm die selige Schar Mit herzlichem Willkommen". Der Sieg des Mephistopheles hat aber eine Be­dingung : „Werd' ich zum Augenblicke sagen : Verweile doch 1 Du bist so schön ! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zugrunde gehn". — sagt Faust im ersten Teil. Und als Faust am Ende des zweiten Teils einen grossen Pa­last bauen lässt, als aus seinem Hafen die Schiffe nach allen Weltgegenden gehen und er — er­blindet — von Mephistopheles und von den Le­muren, die heimlich sein Grab schaufeln, über­listet wird, geniesst er in der Vorahnung der Vollendung seines Lebenswerkes, durch das auf freiem Boden ein freies und tätiges Volk gedeihen wird, das höchste Glück : „Zum Augenblicke dürft' ich sagen: Verweile doch ! Du bist so schön. Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Geniess' ich jetzt den höchsten Augenblick". Und dieser höchste Augenblick ist sein Tod, in dem Mephistopeles siegen könnte, wenn Faust

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