KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)
III. Der Everyman-Todestanz
-1 Zur Zeit, als man von Johann Hus noch nichts gehört hatte 1 lebte im katholischen Lübeck ein reicher Kaufmann, Goswin Ilehorn. Er war schon sehr alt und überliess seine Geschäfte seinem Sohn und verbrachte seine letzten Jahre mit seiner Ehehälfte in Ruhe und Frieden. Auf einmal starb seine Gattin. Lange hat man ihn nirgends gesehen. Die Gesellschaft am Stammtisch des Gasthauses, wo er gewohnheitsmässig seine Abende verbrachte, sah ihn erst nach langer Zeit wieder. Er war schon gebrochen und traurig. Kaum hat er seine Trauer überwunden, kaum ist er zu seiner alten Lebensweise zurückgekehrt, starb ihm in kurzer Zeit nicht nur ein Verwandter, sondern auch seine beiden Söhne hat er begraben müssen. Wieder lebte er lange allein im grossen Hause und nur eine alte Krankenpflegerin blieb bei ihm, die seine Zimmer gereinigt hat und ihm das Essen brachte. Wenn sie nicht kam, sass er allein und lebte völlig seinen traurigen Erinnerungen. Als sein zweiter Sohn starb, ging er wieder einmal in sein Gasthaus, aber am Stammtisch fand er teilweise neue Leute und viele fehlten, die er vor einigen Jahren gekannt hat. Er wusste : sie sind gestorben. So hat ihm auch das Bier nicht mehr geschmeckt. Eines Morgens besuchte ihn ein bekannter Arzt, der Doktor Peregrinus Hain (auch der Tod wird „Freund Hein" genannt). Dieser fragte ihn lächelnd, wieviel Jahre er alt und wie sein wertes Befinden sei. Aber Goswin hatte nur eine Antwort für ihn: „Das geht Sie nichts an . . ." Doktor Peregrinus ging und dem alten Goswin fiel es auf, dass auch dieser Peregrinus viel älter geworden ist, seitdem er ihn zuletzt gesehen hat, sein Gesicht ist aschgrau und trocken. Goswins Leben war traurig und eintönig, aber er fühlte sich gut. Oder er hat sich es wenigstens eingebildet, dass er zufrieden sei. Gelegentlich kommt Doktor Peregrinus Hain wieder zu ihm, setzt sich ohne irgendeine Einleitung oder Entschuldigung an sein Bett und erkundigt sich nach seinem werten Befinden. Aber Goswin verwahrt sich auch diesmal gegen seine Fragen, die sich auf den Tod und auf das Jüngste Gericht beziehen. Hain gibt ihm aber trotz seines Widerspruches den Rat, sich auf den Tod vorzubereiten. Was kann das Leben einem Greise bieten ? Aber Goswin will vom Leben nichts erwarten, nur das soll er behalten,, was er schon besitzt. Er möchte überhaupt nicht sterben. Übrigens, was geht das den Arzt an ? Er soll kommen, wenn man ihn ruft. Der Arzt erklärt hierauf, dass er eigentlich nicht der Doktor Peregrinus Hain sei, sondern der Tod selber. Er ist also der germanische „Wanderer"Tod ; nicht umsonst heisst er „Peregrinus". Der Tod hat nur die Gestalt des Arztes angenommen, um den armen Greis nicht zu erschrecken. Der Tod ist nicht furchtbar. Er ist gekommen, um zu helfen und zu heilen und die Alten von der Last des Lebens zu befreien. Und der Tod streckt seine Hand aus, um den alten Goswin zu ergreifen, dieser aber springt mit einem Satz aus dem Bett, schlägt ihm auf die Hand und weist ihm die Tür. Tief beleidigt erklärt der Tod. dass er in dieses Haus nicht mehr wiederkehren will. Es wird noch die Zeit kommen, wo Goswin den Tod ersehnen wird, aber er wird nicht sterben können und wird liegen, wie ein Stein auf der Landstrasse. Goswin lebt sorglos weiter. Bisher hat er wenigstens lesen können. Jetzt sieht er die Buchstaben nicht mehr. Auch sein Schlaf ist nicht mehr ungestört. Auch ins Bett will er sich nicht mehr legen. Er sitzt nur auf seinem Lehnstuhl, regungslos und blind. Jetzt möchte er schon gern sterben. Der ersehnte Tod lässt aber auf sich sehr lange warten. Er möchte sich in den Fluss werfen, aber dazu ist er allzu feig. Er will sich in der Marien-Kirche von Lübeck verstecken, wo nach der Volkssage der Tod mitternachts mit grossem Geräusch und mit Musik erscheint. Der Sakristan aber entdeckt in der Kirche den alten Herrn und weist ihn hinaus. Bei einer anderen Gelegenheit findet Goswin in der Nähe der Sakristei eine Leiter. Er kriecht mit grosser Mühe auf das Dach der Sakristei. Durch ein Bodenfenster will er nachts in die Kirche schleichen. Aber oben am Dach angelangt, fällt er ermüdet in eine Öffnung zwischen dem Dach der Sakristei und der Kirchhofsmauer. Hier liegt er ein Jahr lang und jammert, aber niemand hört ihn und er kann nicht sterben. 1 ca. 2. Hälfte des XIV. Jahrhunderts. 19Endlich findet ihn der Sakristan. Er hat keine menschliche Gestalt mehr. Sein Herz ist wie ein Stein. Er öffnet seinen Mund und der Sakristan bringt ihm — wie von einer unsichtbaren Kraft genötigt — eine heilige Hostie. Nachdem ihm der Sakristan wiederholt das Allerheiligste auf das Dach gebracht hat, stirbt auch der Sakristan und Goswin liegt solange am Dach, bis sich sein lebendiger Körper im Staub vollständig aufgelöst hat. — Der Ort und die Zeit der Handlung ist historisch. Die Hauptperson ist eine örtlich bekannte Persönlichkeit. Der germanische Wanderer-Tod tritt in der symbolischen Gestalt eines Arztes auf. Dieses Märchenmotiv also und der symbolische Rahmen, in dem der Tod des Everyman-Todestanzes auftritt (z. B. bei Moeller) sind identisch. Der Tod ist ein Wunderarzt. Das ist der Grundgedanke des Märchens vom „Gevatter Tod" 2 Einem armen Bauer ist der dreizehnte Sohn geboren. In seiner Verzweiflung beschloss er, mit dem Kinde auf die Landstrasse zu gehen, um den ersten Vorübergehenden, dem er begegnet, zu fragen, ob er der Taufpate des Kindes werden will. Zuerst kommt ihm der liebe Gott entgegen, dann der Teufel. Aber keinen von den beiden möchte der arme Bauer zum Taufpaten seines Kindes wählen. Endlich kommt der Tod und erklärt, dass nach seiner Meinung jeder Mensch gleich sei und wer ihn zum Taufpaten wählt, von ihm nichts zu befürchten habe. Er will der gute Freund seines Patenkindes sein und das Kind wird nie Hunger leiden. Das gefällt dem Bauer. Die Taufe wird gehalten.. — Nach einigen Jahren ist aus dem Kinde ein stattlicher Jüngling geworden. Der Tod führt ihn in einen Wald. Er zeigt ihm ein Wunderkraut, mit dessen Hilfe aus ihm ein weltberühmter Arzt werden kann. Dann gibt der Tod dem Jüngling folgenden Rat : Wird er zu einem Kranken gerufen, so wird auch der Tod für ihn — und nur für ihn — am Krankenbette sichtbar werden. Steht der Tod zu Häupten des Krankenbettes, so wird der Kranke noch nicht sterben. Der Jüngling soll in diesem Falle dem Kranken etwas aus dem Wunderkraut geben und dieser wird genesen. Steht aber der Tod zu Füssen des Bettes, dann gibt es keine Rettung, der Kranke muss sterben. Will aber der Jüngling einmal einen Kranken heilen, zu dessen Füssen der Tod steht, so kostet ihm dieser Streich das Leben. Der Jüngling wird ein berühmter Arzt, der auf den ersten Blick sagen kann, ob der Kranke genest oder stirbt. Gelegentlich wird der junge Arzt zum Könige gerufen. Der Tod steht zu Füssen des Bettes. Der König wäre unrettbar. Der junge Arzt will aber den Willen des Todes vereiteln und lässt das Bett des kranken Königs umkehren und gibt ihm schnell das Wunderkraut. Der Tod sieht sich betrügt und ist auf sein Patenkind sehr erzürnt. Gibt aber den Bitten des jungen Menschen nach und verzeiht ihm den Betrug. Bei einer anderen Gelegenheit wurde der junge Arzt zur Tochter des Königs gerufen. Als der junge Mann die schöne, kranke Königstochter erblickt hat, vergass er sein Versprechen, das er dem Tod gab und sah nicht den Tod, der drohend zu Füssen des Krankenbettes stand. Er Hess auch diesmal das Bett umdrehen, aber der Tod hat ihn wütend ergriffen und trug ihn in eine Berghöhle. In dieser Höhle standen viele brennende Kerzen. Einige Kerzen waren gross, andere waren ganz klein und aus vielen Kerzen blieb nur ein Stumpf übrig. Jeder lebende Mensch hat in dieser Höhle eine brennende Kerze ; die grossen Kerzen sind die Jünglinge, die kleineren sind die Alten und jene Kerzen, deren Flamme im Ausgehen begriffen ist, die bis zum Stumpf abgebrannt sind, sind die Kranken, die Sterbenden. Aber auch eine lange, grosse Kerze kann umgeworfen werden. Der Tod zeigt seinem Patenkind seine eigene Kerze. Sie ist schon bis zum Stumpf abgebrannt und ihre glimmende Flamme raucht. Auf die Bitte des Patenkindes will der Tod eine neue Kerze anzünden, stellt sich aber aus Rache ungeschickt und wirft die kleine Kerze um. Die Flamme erlischt und der Arzt fällt tot zu Boden. 2 „Kinder und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm". Universal Bibl. 3191—3193. Bd. I. S 198-201.