KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)
III. Der Everyman-Todestanz
-116stinermönch Abraham á St. Clara (Ulrich Megerlin) beschreibt im zweiten Teil des zweiten Kapitels „Mercks Wienn" (1679) die schreckliche Verheerung Wiens durch die Fest i. J. 1679 unter dem Titel : Umständige Erzählung des Tods zu Wien und der traurigen Zeiten. Der Tod tritt hier unmittelbar auf den Strassen und Plätzen Wiens auf und seine Taten werden durch Wortspiel mit der Etymologie des Namens der betreffenden Strassen und Plätze umschrieben : Durch die Stadt wandert der blutgierige Tod und in der Herrengasse herrscht er, in der Bognerstrasse schiesst er viele Bogen ab, in der Singerstrasse singt er vielen das Requiem, in der Schulerstrasse gibt er keine Vakanz, in der Beckerstrasse, Kärntnerstrasse hat er einen Strassenräuber abgegeben, auf der Naglerstrasse spitzt er seine Pfeile, am Fischmarkt hat er keinen Fasttag, auf dem alten Fleischmarkt aber besitzt auch er eine Fleischbank, am Judenplatz hat er geschächert, auf dem Katzensteig hat er stark gemaust ..., im Färbergässel hat er viele mit bleicher Totenfarbe angestrichen. Es ist unmöglich den Zusammenhang zwischen diesen künstlich durch Wortspiel geschaffenen allegorischen Umschreibungen der Todesarbeit und zwischen dem „König", „Arzt", „Priester", „Mörder" „Zauberer" usw. des Moeller'schen Dramas nicht zu erkennen. In ähnlichen symbolischen „Masken" tritt der Tod auch in folgenden Nummern des Bechstein'sehen Totentanzes auf: 8, 11, 17, 18, 21, 22, 23, 24, 26, 27, 28, 30, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 45, 46. Die Holbeinbilder hat Bechstein symbolisch gedeutet. Diese Deutung fand auch Nachahmer. Auch das Drama Moellers ist eigentlich eine Bearbeitung der 11. Szene des Totentanzes von Bechstein (1831). In diesem Gedicht beschreibt Bechstein das Bild der „Königin", welches bei Holbein dieselbe Nummer trägt. Das Gedicht beginnt mit der Schilderung der Pest. Das Volk flieht. Auch der König verlässt die Burg und flüchtet sich in ein Schloss am Land. Er hat seine Frau, die Königin in der Hauptstadt zurückgelassen. Die Königin verbringt die langweilige Zeit mit Tanz, Musik, Maskenball und kümmert sich nicht um die Gefahr, die letzten Endes auch sie zu vernichten droht. Sie geht mit dem Hof auf einen Spaziergang. Da stellt sich ihr der grosse „Wanderer", der Tod vor, obwohl er seinen richtigen Namen verheimlicht. Er trägt eigentlich auch hier eine Maske, die Kleider des Hofnarren (Bechstein beschreibt mit einigen Veränderungen und Zugaben eigentlich nur das Holbeinbild). Der als Narr verkleidete Tod schreitet lustig tanzend zur Königin und fasst sie mutig am Arm. Der Graf (s. das Holbeinbild) versucht umsonst die Königin aus dem teuflischen Bannkreis des Todes zu befreien (bei Moeller vgl. Veit). Der Tod hält seine Sanduhr triumphierend in der einen Hand, während er mit der anderen die Königin berührt. Sie stirbt. Es ist nicht schwer die Motive Moellers in dem genannten Gedichte Bechsteins wieder zu erkennen. Wenn auch der Text des Moeller-Dramas als Operntext eine untergeordnete Rolle spielt und auch als Gedicht nicht unter die besten Werke der Literatur gerechnet werden kann, bietet er der Motiv-Forschung wichtige Beweise für den wahren Entwicklungsgang des modernen Totentanzes. Die schon erwähnten Grundsätze, deren wir uns bei der Beurteilung des modernen Everyman-Todestanzes bedient haben, ermöglichen uns in der weiteren Totentanz-Forschung auch andere Everyman-Todestänze zu entdecken. Zu den Everyman-Todestänzen rechnen wir auch das Gedicht von Heine : „Zimmermann" d Heine nennt den Tod einen Zimmermann. Er haust im Inneren des Menschenherzens und zimmert für uns einen Sarg. Seine Hammerschläge vernehmen wir als Herzklopfen. Ein jeder Schlag ist ein neuer fester Nagel in unserem Sarge. Es ist ein symbolisches Bild für die immer näher heranschleichende Todesstunde. Der Tod als ein Zimmermann, Tischler oder Holzmeier tritt schon bei Geiler von Kaisersberg 2 auf : „darin geschicklich und in gottes lob zu lernen ist, des holtzmeyers, des dotz, frölich zu warten." 118b : „also heisset der tod ein dorffmeyer, oder ein holzmeyer, vnd billich hat der tod an im hat, als ir hören werden, wil got, die erst eigenschaft des dorffmeyers ist communitas, er ist eine gemeine person allen denen die in dem dorf sein, er sol sich inen allen gleich erzögen. Also der holzmeyer ist auch gemein allen bäumen, er übersieht keinen bäum, er hawet sie alle ab". Der Baum, den der Tod abhaut, ist der Mensch. Im Drama Moeliers rühmt sich der Tod seiner überlegenen Macht. Einzelne Todes-Tänze lassen den Tod allein auftreten und seinen grossen Sieg über alle Menschen hören wir aus seinem eigenen Mund in der Form eines Monologs. Die Todesmonologe sind Everyman-Todestänze, in denen die Macht des Todes in der Form des Monologs zum Ausdruck kommt. Schon aus einigen mittelalterlichen Totentänzen sind einzelne Todesmonologe bekannt. Aber diese sind meistens an die „Menscheit", an „alle Stände" gerichtet. Der ungarische Totentanz von Georgius Pesthi ist auch in der Form eines Monologs geschrieben worden. Der Tod erzählt selber, wie er die einzelnen Vertreter der Stände besiegt hat. Aber hier richtet sich der Monolog eigentlich an Adam, und die „Stände" sind nur die Auflösung des Begriffes von der „Adams gestalt" (d. h. von Everyman). Die Todesgestalt Bechsteins ist eine tragische Gestalt. Wie den Achasverus, so bannt auch ihn ein Fluch auf die Erde. Er wandert durch die Welt über sein Schicksal grübelnd und fluchend. Im 6. Gedicht Bechsteins steht er am Golgotha-Berg. Er schwört Rache gegen Christus, obwohl er es schon jetzt ahnt, dass er 1 Buch der Lieder; Junge Leiden 1816—1821. b. Lieder IV. „Lieb Liebchen leg's Händchen auf's Herze mein..." 2 Buoch de arbore humana. 1521. Sirassburg. S. 13a 11.